Begegnung mit zwei Walhaien oder: Unterschätze niemals einen Hai!

Die beiden Walhai-Damen verstanden sich blendend :-)

Ihr Lieben,

es dürfte ungefähr ein halbes Jahr her sein, als mir ein Walhai ins Netz ging – ins virtuelle Netz natürlich und, wie sollte es anders sein, in Form eines Schnittmusters für ein Täschchen bzw. ein Mäppchen. Gerne will ich Euch die beiden Damen, die bei mir entstanden sind, zeigen und auch ein bisschen über den Schnitt erzählen.

Als große Freundin von Meerestieren – und Walen insbesondere – hatte ich mir also den Schnitt bei Farbenmix gekauft und beim Blick in die Anleitung dann doch die Umsetzung lange vor mich hergeschoben. Denn: Auch wenn so ein Walhai-Mäppchen verdammt harmlos daherkommt (also zumindest bei mir mal wieder auslöste „Das kann ja wohl nicht so schwer sein…“) : Unterschätze niemals einen Hai!

Mir fiel die Erstellerin des E-Books, Jana alias „Ambazamba“, als hervorragende Taschennäherin schon öfter in der Nähbloggerinnenwelt auf, weshalb ich ernst nahm, was sie in die Anleitung schrieb: Man sollte doch schon einiges an „Taschennäherfahrung“ für den Walhai mitbringen. Ein Mäppchen für Fortgeschrittene also.

Ich ging dann auf die Suche nach Nähbeispielen und Rezensionen zum Schnitt – und hab mich an dieser Stelle ehrlich gesagt ziemlich geärgert. Zwar gibt es einige wunderschöne Beispiele und auch Blogbeiträge aus dem Probenähen, aber ich habe KEINEN EINZIGEN mit einer ehrlichen, sachlichen Kritik zum Schnitt gefunden. Das nervt mich wirklich wahnsinnig: Kaum ein Hinweis auf den Schwierigkeitsgrad, auf Herausforderungen, Stolperstellen, Materialwahl… sondern nur größtes Lob und wie süß der Hai doch am Ende wäre. Dass der süß wird, das war mir klar – aber Probenäherinnen, die am Ende ihre ehrliche Meinung äußern, gibt es scheinbar deutlich seltener als süße Walhaie.

Bei Hunger werden auch mal…

Nun denn, also ging ich dann doch motiviert ans Werk – und habe mir im Übermut direkt vorgenommen, zwei Walhaie zu nähen. Geschenke für zwei besondere Menschen sollten es werden. Als Außenstoff wählte ich einen mittelfesten Jeansstoff, als Innenstoff ein frühlingsbuntes Fischstöffchen aus meinem Patchwork-Bestand. Ich hatte bei einigen Nähbeispielen gesehen, dass die Rückenflosse so gar nicht haimäßig stand, sondern mehr „hing“ – das wollte ich mit der Wahl meines Außenstoffs unbedingt verhindern. Verstärkt habe ich anleitungsgemäß mit H 250. Diese Stoffkombination stellte sich im Nachhinein als ziemlich perfekt heraus, manchmal hat frau eben auch Glück. Abgesteppt habe ich alle Nähte in rot.

…Rollschneider aller Größen vertilgt!

Pro Walhai werden – Achtung – 20 Teile zugeschnitten. Dazu kommt noch ein Reißverschluss sowie 2 Augen. Macht also bei meinen 2 Exemplaren 46 Teile, die da plötzlich vor mir lagen. Aber ich muss sagen: Das E-Book ist sehr klar strukturiert, hat sehr hilfreiche Bilder und ist auch sprachlich sauber; es führt einen sehr bedacht und mit vielen Hinweisen von Schritt zu Schritt. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt, trotz der vielen Teile, das Gefühl, im Anleitungsnebel zu stehen.

Was man aber sagen muss: Das Mäppchen ist wirklich an einigen Stellen sehr fummelig zu nähen und erfordert Genauigkeit. So ist z.B. das Wenden der Flossen mit ihren engen Kurven nicht einfach, besonders die Schwanzflosse hat es hier in sich (Jana gibt im E-Book aber den sehr hilfreichen Tipp, zuerst nur die Schwanzflosse zuzuschneiden, zu nähen und zu wenden. Und wenn das alles gelänge, wüsste man, dass die Materialwahl das Wenden aller Teile gut zuließe. Diesen Tipp habe ich befolgt und werde ihn mir hinter die Ohren schreiben).

Detailaufnahme: Auge, Innenstoff und metallisierter Reißverschluss – damit die Zähnchen schön funkeln!

Meine größte Hürde war das Maul, also der Reißverschluss. Trotz der Hinweise in der Anleitung und meiner eigentlich vorhandenen Reißverschluss-in-Mäppchen-Einnäh-Erfahrung habe ich es bei beiden Walen nicht geschafft, den Innenstoff faltenfrei einzunähen – die Steppnaht ist viel zu nah am Maul. So ein Maul ist eben nicht gerade, sondern eine gerundete Strecke, was die Sache nicht leichter macht. Glücklicherweise kann man in beiden Fällen das Maul trotzdem gut öffnen und schließen, geärgert hat es mich aber schon.

Worüber ich mich auch geärgert habe, ist das Thema „Augen“. In der Anleitung geht die Autorin auf die beiden Varianten „Aufmalen mit Stoffmalfarbe“ oder „Plotten“ ein. Beides macht man natürlich als letzen Schritt, NACH dem Nähen. Beide Lösungen kamen für mich aber nicht in Frage.

Die Schwanzflossen sind tatsächlich stehend – das macht den Walhai nochmal realistischer!

Nach längerem Überlegen habe ich mich für kleine, perlmuttfarbige Hemdknöpfe als Augen entschieden, die ich mit schwarzem Garn angenäht habe. Mir gefällt diese Lösung sehr. Ich wollte die Knöpfe jedoch nicht am Ende erst annähen und dabei durch viele Lagen Stoff und Vlies stechen müssen, sondern (von innen unsichtbar) die Knöpfe schon auf die noch nicht vernähten Stoffteile anbringen. Das habe ich auch gemäß der Markierungen im Schnittmuster gemacht. Die Knöpfe sitzen jedoch so weit unten, dass ich am Ende, beim Zusammennähen des Mäppchens, nur haarscharf und mit RV-Nähfuß daran vorbeikam. Hier hätte ich eine Anmerkung in der Anleitung schön gefunden, dass man, wenn man „echte Knöpfe“ (ich kann mir auch Kam-Snaps als Lösung vorstellen) verwenden möchte, die Augen ein paar Millimeter höher setzen sollte. Ich denke, der Walhai hätte trotzdem ein schönes Gesicht – diese Lösung wäre aber für alle, die die Augen nicht erst am Schluss setzen wollen, sehr viel leichter.

Am Ende hatte ich es aber tatsächlich geschafft: Die zwei Walhaie hatten das Licht der Welt erblickt. Und ich muss sagen, ich, aber auch die gesamte Familie, war total entzückt. Die sind echt sehr süß :-) Mir fällt es unglaublich schwer, sie weiterschwimmen zu lassen. Aber so war es geplant und ich hoffe, dass sie dort, wo sie landen werden, ebenfalls für ein Lächeln sorgen und gute Begleiterinnen werden.

Bei mir blieb am Ende die Frage: Lohnt sich so ein Aufwand für ein Mäppchen? Während des Nähens hätte ich öfter mal „nein“ gesagt, aber am Ende sage ich ganz laut „Ja“. Ob das Mäppchen mit den vielen Flossen z.B. in der Schultasche allerdings recht praktisch ist, weiß ich nicht. Aber es gibt sicher keiner Mäppchen, das mehr gute Laune mitbringt :-)

Meeresgrüße und alles Liebe!
Karin

 

Verlinkt zu Creative LoverHandmade on Tuesdaycreadienstag und Dings vom Dienstag


13 Gedanken zu “Begegnung mit zwei Walhaien oder: Unterschätze niemals einen Hai!

  1. Hi, Deine Mäppchen sind wirklich allerliebst! Und ich weiß genau von was Du da schreibst….. ich denke grundsätzlich „das mach ich mal eben, kann doch nicht so schwer sein“, um dann STUNDEN später festzustellen, daß ich das WIE IMMER total unterschätzt habe. VG, Steffi

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  2. Das sind ja tolle Haie :D Danke auch für deine ehrliche Rezension – mir gibts auch zuviel Lobhudelei und zuwenig kritische Betrachtung beim Präsentieren von Genähtem :-/
    Bisher habe ich nur kleine Fischportemonnaies genäht. Vielleicht versuche ich mich auch mal an einem Hai :)

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    1. Huhu, vielen Dank für Dein Los! Die Walhaie würden sicher gut zu deinen Portemonnaies passen :-) Ja, und deine Meinung bzgl. Probenähen teile ich. Meiner Ansicht nach würde es doch genau für Qualität sowohl für die Blogs als auch die Schnittmusterersteller/innen stehen, wenn man „ehrliche Meinungen“ lesen würde. Aber nun denn… Liebe Grüße! Karin

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    1. Liebe Ulrike, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, Du hast absolut recht: wenn es ein Mäppchen schafft, gute Laune und ein Lächeln (hinter den Mundschutz…) zu zaubern, das ist doch wirklich großartig!! Und ja, Platz ist im Walhai für allerhand Sachen! Liebste Grüße nach Dänemark! Karin

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  3. Ich habe das Gefühl, dass wenn man kritisch das Genähte aus einem Probenähen beschreibt, wird man immer seltener genommen. Das ist ein weiterer Nachteil der Lobhudelei und da beißt sich die Katze in den Schwanz….
    Deine Haie sind aber sehr süß, ich hatte den auch schon auf dem Schirm, aber gaaanz weit unten auf der Liste. Vom Wendekampf hatte ich allerdings schon gelesen. LG Ina

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    1. Liebe Ina, danke für deine lieben Worte. Echt, ist das so, dass kritische Geister mit der Zeit keine Chance mehr beim Probenähen haben? Das ist ja unfassbar…was ist das für eine Dynamik. Wie Du schreibst: Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Dabei wäre es so wichtig, differenzierte Rückmeldungen lesen zu können, gerade auch, weil ja nicht jeder gleich geübt ist. Ganz liebe Grüße! Karin

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  4. Liebe Karin,
    ja, der Walhai – um den „schleiche“ ich auch schon länger herum. Ich habe aber beschlossen, ihn erstzu kaufen und zu nähen, wenn ich weiß, wer ihn bekommt. Meine Jungs sind dafür zu groß und ich brauche keines.
    Danke für den Hinweis mit den Augen!
    Probenähen und Kritik, das finde ich auch schwierig – da ich ja öfters probenähe, stehe ich da auch oft im Zwiespalt. Bei Kleidung ist es oft Geschmacksache, wie die Paßform ist. Allerdings werde ich bei einer Designerin nie wieder probenähen – die war resistent gegen jede Tipps und es ging nur um Bilder für das im Prinzip fertige Schnittmuster. Die war gar nicht willens, da noch mal was abzuändern. Da bestand mein Posts dann auch entsprechend nur aus den Änderungen, die ich vorgenommen habe. Daher schreibe ich mittlerweile auch gern dazu, wie sich die Anleitung bzw. das Schnittmuster innerhalb des Probenähens entwickelt hat – ich hoffe, man erkennt so, dass sich die Designerin Mühe gibt und entwickelt anstatt nur ihren eigenen Senf durch zu drücken. Und vielleicht hat sich dadurch meine Liebe zum Anleitungschreiben entwickelt, in der Hoffnung, so manche Nähhürde gut zu erklären.
    Bei Taschen und Kuscheltieren (die ich kaum nähe) ist die Anleitung meiner Meinung sehr wichtig. Ich hab auch schon festgestellt, dass Anleitungen unterschiedlich gelesen werden können (also vom Verständnis her). Dass man allerdings nicht mehr probenähen kann, weil man sich kritisch äußert, habe ich allerdings bei meinen Designerinnen nicht feststellen können.
    Auf jeden Fall viel Spaß beim Wegschwimmen lassen der Walhaie!
    Liebe Grüße
    Ines

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  5. Hach, Karin, deine Walhaie sind toll geworden und ich finde es auch gut, dass du kritisch Stellung zur Anleitung nimmst. Gerade darauf kommt es beim Probenähen an, wie ich finde, und ich habe auch schon mehrfach festgestellt, dass immer alles „super“ und „ganz easy“ ist und frage mich dann, warum anscheinend nur ich finde, dass ein Reißverschluss um einige Zentimeter zu kurz ist, obwohl ich ihn nach Angabe zugeschnitten habe und all solche Sachen. Aber nun denn… Ich habe schon mehrere Hai-Mäppchen genäht, es gab vor Jahren mal in der Zeitschrift „Simply Nähen“ einen Schnitt dazu. Falls du mal gucken möchtest -> https://antetanni.wordpress.com/2018/12/09/der-blaue-hai-antetanni-naeht/
    Und ja, das Maul hat es in sich. Für die Augen habe ich Plotterfolie ausgestanzt und aufgebügelt (jaaaa, vor dem Nähen), die Knopfaugen sind aber auch hübsch.
    Viele Grüße
    Anni

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  6. Danke für diesen ehrlichen Bericht… Ich habe schon soo viele von diesen Mäppchen bewundert, würde es auch gerne ausprobieren, aber auch ohne deinen Beitrag habe ich mir schon gedacht, dass das leuchtet aussieht, als es ist..
    Schön sind sie aber geworden, deine beiden Mäppchen! Und schön, dass du Zeit zum Näh-Entspannen findest…

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