Menschen(s)kinder im August 2019 – und ein Wort darüber, wie Konfektionsgröße bei Kindern Geschlechterschubladen verfestigen

Shirt Leo, Stoff „Sonnenkitzel“ von Lillestoff

Ihr Lieben,

herzlich Willkommen zu einer neuen Runde Menschen(s)kinder – es ist August! Viele von Euch genießen die Ferien, nähen und verlinken aber trotzdem hier – Ihr seid Klasse!

Im Juli fand ich z.B. folgende Beiträge ganz wunderbar:

Euch und allen anderen vielen lieben Dank für jede Verlinkung!

Gerne bringe ich ja an dieser Stelle ein paar Denkanstöße zum Thema „Geschlechterschubladen“ mit – und heute sogar wissenschaftlich fundiert: Es geht um Konfektionsgrößen und -schnitte bei Kindern. Das Thema hatte ich hier schon einmal kurz gestreift , weil mir nach einem Ausflug ins Kaufhaus so manches schräg vorkam.

„Werden denn schon bei Kleidergrößen für Kinder Geschlechterstereotype zu Grunde gelegt?“ – Zu dieser Frage hat vor kurzem die Universität Paderborn eine Studie durchgeführt und zwar mit erschreckendem Ergebnis: Ja, so ist es. Oder, wissenschaftlich korrekt ausgedrückt: Bereits in der Konzeption von Kleidergrößen wird ein dichotomes Geschlechterkonzept implementiert.

Bunte Schnipsel  – das Design mag ich!

Auf deutsch heißt das: Nicht nur die farbliche Gestaltung und die Aufdrucke sorgen dafür, dass Kleidung jeweils einem Geschlecht zugeordnet ist – sondern auch die Größenmaßtabellen der Textilunternehmen, die als Grundlage der Schnittkonstruktion der Produktion von Kleidungsstücken vorausgehen.

Um das zu belegen, sind die Forscherinnen der Uni Paderborn wie folgt vorgegangen: Sie haben die Maßtabellen von neun zeitgenössischen Hersteller/innen von Kinderkleidung, die deutschlandweit bekannt und verbreitet sind (alles führende Unternehmen im Textileinzelhandel für Kinderkleidung) systematisch analysiert.

Sie stellten fest, dass bis Gr. 92 (also Bereich „Baby“) in den Größentabellen keine Differenz zwischen den Geschlechtern vorliegt – hier haben also die Kleidungsstücke noch den gleichen Schnitt – die „Geschlechter-Einordnung“ geschieht über Farbe und Druck.

Aber dann geht es los: Es lässt sich eine klare Differenz zwischen den beiden Geschlechtern bereits bei Schnitten für Kleinkindgrößen (!) wahrnehmen. Nicht alle Firmen beginnen schon bei Gr. 92, aber Stück für Stück setzen dies alle Firmen um.
Auffallend ist dann z.B., dass bei Mädchen ein deutlich schmalere Taille und breitere Hüfte angenommen wird als in der Tabelle für Jungen. Bei Jungs hingegen steigt der Wert beim Brustumfang deutlich an. Und das Schlimme daran: Das ist reine Willkür – es gibt im Kindesalter keine solchen geschlechterbezogenen Abweichungen. Ob ein Kind eine schmale oder breite Hüfte hat, entscheidet einfach der Körperbau – und nicht das Geschlecht.
Es gibt also keine nachvollziehbare Setzung der Maßtabellen. Und, was die Forscherinnen auch bemängeln: Die Grundlagen der Daten und Maße werden von den Firmen nicht offengelegt.
Hier werden also schlicht Idealvorstellungen von Mädchen- und Jungenkörpern in Mode gegossen. Nichts anderes.

Gelbe Bündchen sind mein persönlicher Geheimtipp für Kindershirts!

Die Schnitte der untersuchten Textilunternehmen spiegeln eine „grundlegend normierte Vorstellung von weiblichen und männlichen Körpern wider und manifestieren diese.“ – so das Fazit der Forscherin.

Wie geht es Euch, wenn Ihr das lest? Also mich macht das schon irgendwie fassungslos, insbesondere, weil es eben wissenschaftliche Wahrheit ist.

Warum kann die Industrie nicht einfach kindliche Bedürfnisse im Blick haben, sondern ist immer getrieben von diesem Geschlechterding? Gibt es denn wirklich auf dieser Ebene keine anderen Denkansätze? Kinderkleidung zu machen in schmal, breit, kurz und lang, bunt oder unbunt – aber eben nicht schon bei Kleinkindern Erwachsenenproportionen überzustülpen? Oder will das tatsächlich der Markt, die Eltern und Großeltern, die Kleidung für ihre Kinder kaufen? Ich kann es mir ehrlich gesagt kaum vorstellen…

Was sind Eure Erfahrungen mit Konfektionskleidung für Kinder? Stellt Ihr das auch fest? Oder gibt es eine Marke, die Ihr bei Kaufkleidung bevorzugt, weil deren Schnitte universell sind?

Ich freue mich auf Eure Gedanken – und natürlich jede einzelne Verlinkung im August bei „Menschen(s)kinder“!

Ach ja, das Shirt, das Ihr heute hier zur Illustration seht, ist vor Kurzem entstanden. „Sonnenkitzel“ heißt der Jersey von Lillestoff (ist sogar gerade im Angebot, habe ich gesehen…) – bunte Schnipsel auf hellblauem Grund, dazu ein gelbes Halsbündchen, das finde ich einen wahren Unisex-Schatz!

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

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P.S.: Den wissenschaftliche Artikel zu dieser Studie hat mir übrigens eine Leserin meines Blogs zukommen lassen – vielen Dank nochmals dafür!

Stoff: Bio-Jersey „Sonnenkitzel“ von Lillestoff
Schnitt: Kindershirt „Leo“ von Pattydoo
Linked @: The Creative Lover


6 Gedanken zu “Menschen(s)kinder im August 2019 – und ein Wort darüber, wie Konfektionsgröße bei Kindern Geschlechterschubladen verfestigen

  1. Das sind spannende Daten und ich bin ehrlich gesagt etwas schockiert, dass es so auffällig ist. Ich kann dazu nichts sagen, weil ich noch nie Klamotten für Emil im Laden gekommen habe.
    Liebe Grüße Ingrid

    Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen, mich überrascht das nicht mehr. Für mich ist das jetzt lediglich der wissenschaftliche Nachweis.
    Ich hätte gerne eine Studie, woran festgemacht wird, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Farbe allein scheint es nach meiner Erfahrung nach nicht zu sein. Aber was entscheidet letztendlich? Die Haarlänge? Viele Grüße von Maryme

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  3. Liebe Karin, ich hatte darüber noch nie bewusst nachgedacht, aber beim gedanklichen Gang durch unsere Kinder-Kleiderschränke ist was dran. Ich kaufe in Deutschland eigentlich nie Kleidung im Laden, wir haben also Kaufkleidung nur aus den USA-Urlauben. Und ja, da gibt es schon bei Kleidung für Drei- und Vierjährige enorme Unterschiede in der Schnittführung. Die T-Shirts für die vierjährigen Mädchen sind durchweg tailliert, haben sehr viel größere Ausschnitte und meist kürzere Ärmel als die Shirts für Jungs. Unseren Kindern ist das sicher noch nie aufgefallen, aber ich registriere es doch immer wieder. Wir kaufen ihnen in Amerika fast immer Mädchenhosen, weil sie so dünn sind, dass die Jungshosen nicht passen. Auch das eigentlich ein Hinweis – mit drei, vier und fünf Jahren ist da weniger geschlechtsbezogene Kontur vorhanden als einfach mehr oder weniger Kinderspeck. Stimmt schon. Ich finde aber, dass ab dem Grundschulalter erste körperliche Unterschiede erkennbar sind, da sehe ich bei Mädchen oft eine andere Beckenform oder einen schmaleren Brustkorb. Trotzdem ist das nicht durchgehend so, sondern vor der Pubertät eher in Einzelfällen. Und die Studie hat wohl recht; die Stil-Klischees werden angelegt, bevor der Kinderkörper das erfordert. Ein Hoch aufs Selbstnähen!
    Den Stoff hatte ich übrigens auch schon mal und liebe ihn!
    Liebe Grüße
    Meike

    Gefällt 1 Person

  4. Guten Morgen 🙂 Ja, ich fand die Studie ebenso erschreckend wie du. Leider hatte ich mit dem Ergebnis total gerechnet… Aber freut mich, dass ihr dir einen Anstoß bieten konnte! Meine Nähmaschine steht derzeit kaum still, aber ich komme einfach nicht zum verbloggen. Dabei möchte ich euch allen unbedingt etwas zeigen… Na, vielleicht komme ich demnächst doch dazu 🙂
    Liebe Grüße

    Liken

  5. Hallo liebe Karin,
    ich finde deine Artikel zum Thema Kinderkleidung immer super spannend! Und diesen hier in Bezug auf die Studie erschreckend. Kinder sollen Kinder sein dürfen und keine kleinen Erwachsene.
    Ich denke auch, dass diese Unterschiede in der Figur erst als Teenies beginnen.
    Ich bin immer wieder froh, dass ich mit dem Nähen begonnen habe. So kann ich passgenau und ohne Schublade für mein Kind nähen. Zuletzt zum Beispiel zwei Tshirts aus einem Stoff mit Feuerwehrmann Sam. Auch mit gelbem Bündchen, die Farbe ist der Knaller in Bezug auf unisex, da Stimme ich dir voll und ganz zu. Und ich freue mir immer einen Keks, wenn meine Tochter das Shirt mit einer Jeans an hat und keiner sagen kann, ob sie ein Junge, oder ein Mädchen ist. Dann denke ich immer „Mission erfüllt“ ;-)
    Danke für eine tollen Artikel und viele Grüße!
    Verena

    Gefällt 1 Person

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