Stoffspielereien: Ein heimatliches Papierschiffchen-Kissen oder: Meine erste Paper-Piecing-Versuche

Die fertige Kissenhülle mit Papierbooten :-)

„Heimat“ ist im Mai der Impuls-Begriff für die Stoffspielereien…ein für mich aus emotionaler Sicht nicht ganz leichtes Wort. Dennoch und trotzdem bin ich heute dabei mit einem Projekt, das mir einige graue Jahre beschert hat: Ich habe mich nämlich zum ersten Mal an „Foundation Paper Piecing“ , kurz FPP, gewagt. Wie der deutsche Name für diese Technik lautet, ist mir nicht ganz klar, „Nähen auf Papier“ klingt allerdings lahm :-) Aber wörtlich übersetzen kann man die Bezeichnung wohl auch kaum: „Zusammensetzen von Teilen auf Papiergrundlage“ oder etwas in der Richtung wäre wohl im Sinne der Erfinderin…

Schon länger bewundere ich Nähwerke, die mittels dieser Technik entstehen, z.B. bei Ulrike, die einen unglaublichen Harry-Potter-Quilt näht oder bei Ines, die z.B. umwerfende Kissen wie diesen Wal schon im Blog gezeigt hat.
Durch Ines bin ich auch auf das kostenlose Tutorial von „Cotton & Steel“ für einen „Paperboot-Quilt“ aufmerksam geworden. In diese Papierschiffe, die man eben auf Papier näht, habe ich mich total verliebt und dachte, dass diese ein gutes Einsteigerprojekt für meine ersten FPP-Versuche wären. Wie schon so oft in meiner Nähkarriere dachte ich „Das kann ja nicht so schwer sein!“  – und wurde eines besseren belehrt….
Gequiltet habe ich im Nahtschatten – das würde ich beim nächsten Mal nicht mehr machen!

Möglicherweise bin ich begriffsstutzig – aber ich habe erstmal kein Tutorial im Web gefunden, mit dessen Hilfe ich auf Anhieb verstanden hätte, was von A bis Z zu tun ist. Schneidet man die Vorlage denn jetzt auseinander oder lässt man sie zusammen? Oder beides? Wie rum legt man denn den Stoff unter die Vorlage? Wann schneide ich die Nahtzugabe zurück – vor oder nach dem Zusammennähen? Woher weiß ich, wie groß die Stoffteile sein müssen? Muss man die Nähte verriegeln oder eher nicht? Muss man spezielles FPP-Papier verwenden oder geht auch „ganz normales“? Wo auch immer ich nachgelesen habe: Viele Angaben blieben im Ungefähren – was jedoch für jemanden, der das noch nie gemacht hat, teuflisch ist.

Hier seht Ihr meine ersten Schiffchen-Versuche. Ich habe ungefähr 3-5 Schiffchen-Hälften gebraucht, bis ich das Gefühl hatte, alles verstanden zu haben. Bis dahin hab ich wahrscheinlich so ziemlich alle typischen FPP-Anfängerfehler gemacht, die man machen kann: Zu kleine Stoffteile verwendet, so dass hinterher ein Loch im Schiff zu sehen war, die Stoffteile falsch herum zusammengenäht, also „links auf rechts“ (was so ein Schiff auch nicht schöner macht…), die Nahtzugabe auf einer Seite komplett abgeschnitten…ab ist ab, kann man da nur sagen oder „Schiff geht unter“.
Einer meiner „Probe-Schiffe“ – an mehreren Stellen zu klein und falsch abgeschnitten….

Irgendwann habe ich dann, nach diesen Misserfolgen, nochmal Zeit auf auf YouTube verbracht und irgendwann ein ein/zwei sehr gute Videotutorials gefunden… Ich habe dann die Tipps und Tricks aus allen möglichen Videos und Tutorials in meinem Kopf vereint…und plötzlich liefs :-)

Was mir hier auch sehr aufgefallen ist: Nicht jeder „Profi“ einer Technik, dem alles klar ist, ist auch in der Lage, solche Techniken für jemanden zu erklären, der keine Ahnung hat. In diesen Zustand können sich scheinbar nur wenige „Profis“ hineinversetzen….
[Ich merke, während ich diese Zeilen tippe, dass ich große Lust habe, selbst ein FPP-Tutorial zu schreiben – eben gerade aus Sicht einer Ultra-Anfängerin auf diesem Gebiet.…ich werde mal überlegen!!]
Die fertige Kissenhülle ohne Inhalt :-)

Aber wie Ihr seht, irgendwann fiel also bei mir der Groschen und meine Papierschiffchen haben das Schwimmen gelernt. Ich habe dann zwei Schiffe „gefaltet“ und sie auf einer Kissenhülle verewigt. Diese Kissenhülle ist dann spontan zu meiner Schwiegermutter gewandert. Man sieht den Schiffen die vielen Stunden Arbeit und die vielen Gedanken, die darin steckten, bis es so fertig war, wahrlich nicht an – aber ok :-)  Meine Schwiegermutter wird das Kissen trotzdem in Ehren halten….

Hinten gab’s einen verdeckten Reißverschluss

Ja, und was haben die Schiffe nun mit „Heimat“ zu tun? Nun ja, ich bin an einem „Meer“ aufgewachsen, allerdings nicht an der Küste, sondern am „Bayerischen Meer“, am Chiemsee. Auch wenn ich heute im Frankfurter Raum zu Hause bin, meine Heimat ist Oberbayern bzw. das Voralpenland. Wer mit mir spricht, „hört“ das auch sofort – meine Dialektfärbung wird wohl mein Leben lang dominat bleiben. Sehr oft höre ich die Reaktion „Wie kann man denn DA wegziehen? Das ist doch eine der schönsten Gegenden Deutschlands!“ Ja, das ist sie zeifelsohne, aber sie ist eben auch eine sehr konservative. Ich habe sehr bewusst aus familiären bzw. emotionalen Gründen „das Weite gesucht“. In meiner erzkatholischen Herkunfsfamilie wird Tradition groß geschrieben und Geschlechterrollen sind klar verteilt. Da habe ich als lesbische Frau gelinde gesagt für einen Affront gesorgt – und als lesbische Mutter, die „ihr“ Kind nicht mal selbst geboren hat, ein Erdbeben ausgelöst.

Mittlerweile sind die Wunden ein wenig verheilt – es gibt nur noch wenige Tage, an denen sie aufreißen. Die Natur, die Berge und das wunderschöne „Bayerische Meer“ trage ich im Herzen – und erfreue mich heute am Taunus, großartigen Flussufern und der offenen Geisteshaltung im Rhein-Main-Gebiet.
So, und nun bin ich gespannt, welche heimatlichen Gedanken die anderen Bloggerinnen so haben!
Euch allen einen schönen Sonntag!
Karin

Die Stoffspielereien

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach eine Mail oder einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Die nächsten Termine:
26.05.2019: „Heimat“ bei Nahtlust https://nahtlust.de/
30.06.2019: „Afrika“ bei made with Blümchen https://www.madewithbluemchen.at/
29.09.2019: „Miniatur“ bei Feuerwerk bei Kaze https://feuerwerkbykaze.blogspot.com/
27.10.2019: „Handweben“ bei Schnitt für Schnitt http://schnittfuerschnitt.de/
24.11.2019: (Thema noch offen) bei Nähzimmerplaudereien https://naehzimmerplaudereien.com/
Linked @: Stoffspielereien, Modern Patch MondayNähzeit am Wochenende,

18 Gedanken zu “Stoffspielereien: Ein heimatliches Papierschiffchen-Kissen oder: Meine erste Paper-Piecing-Versuche

  1. Guten Morgen :)
    Der Artikel klingt nach viel Recherchearbeit, vielen Versuchen, viel Frust und schlussendlich einem tollen Ergebnis. Ich liebe diese Aktionen, bei denen mensch zwischen dein zich mal denkt ‚Das wandert so wie es ist in den Müll!‘ oder ‚Ne, das lass ich jetzt so!‘ und am Ende trennt mensch dann doch wieder alles auf und macht es neu. EPP hab ich auch mich nie ausprobiert, obwohl ich schon viel dazu gesehen habe. Gut zu wissen, dass es nicht so einfach ist, wie gedacht. In diesem Sinne würde ich mich über eine Anleitung von dir sehr sehr freuen! Bestimmt würde ich diese tun Anlass nehmen und selbst einmal mein Glück versuchen :)
    Wir waren übriges früher sehr oft am Chiemsee schwimmen. Ich komme nämlich auch in etwa aus der Ecke (aber eher in Richtung Allgäu – bei Landsberg). Seine kurze Erzählung hätte genau so von mir stammen können. Viele Menschen können sich nicht mehr vorstellen, dass es Homophobie noch gibt, aber die Erfahrungen als lesbisches Mädchen auf dem katholischen Land sind eben bei weitem keine angenehmen… Auch ich bin genau aus diesen Grund von dort ‚geflohen‘. Ich danke für für deine Offenheit!
    Tja, und nun wünsche ich noch einen schönen Start in den Tag! Bis bald :)

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  2. Liebe Karin, ein toller Beitrag und ein wunderschönes Schiffchen. DA ist die Heimat nicht nur positiv, das kann ich gut verstehen. Umso schöner, dass du mit den SChiffchen eine Brücke gebaut hast und eine tolle neue TEchnik dir angelernt hast! Danke fürs Dabeisein und LG. SUsanne

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  3. Liebe Karin,
    so viel unterschiedliches zum Thema „Heimat“!
    Mir fiel das Zurückziehen in die „alte“ Heimat auch nicht leicht – aber das Dorf, das ich verlassen hatte, war nach 13 Jahren glücklicherweise nicht mehr dasselbe. Dank der Nähe zu Stadt hatte sich das dörfliche doch etwas gewandelt. Aber das Verlassen Deiner Heimat (die ich auch sehr liebe, da sie am Anfang meiner Ehe „Heimat“ war), kann ich gut verstehen.
    Es gibt bei Ellis&Higgs ein gutes Tutorial (https://www.ellisandhiggs.com/tutorial-einen-quilt-block-paper-piecen/) , mit dem habe ich es gelernt! Am meisten Spaß macht es aber, wenn man beim gemeinsamen Nähen seine Erfahrungen macht! Das Schiffchen fand ich eher schwierig, weil die Teile so groß sind und es ganz schnell passiert, dass ein Stück Papier nicht abgedeckt ist.
    Liebe Grüße
    Ines

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    1. LIebe Ines, danke für deine lieben Worte! Wie schön, dass du nach 13 Jahren Abwesenheit Veränderungen feststellen konntest, das lässt ja hoffen :-) Ich habe manchmal das Gefühl, dass gerade am Land in vielen Teilen die „Rolle rückwärts“ gelebt und sich an den „alten Werten“ wieder noch fester festgeklammert wird…
      Danke für den Linktipp! Und es tröstet mich, dass Du die Schiffe schwierig fandest… Liebe Grüße! Karin

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  4. Da geht es mir ähnlich wie dir: auch ich habe schon oft die tollen Sachen von Ines bewundert und gedacht, das möchte ich auch mal ausprobieren. Nur anders als bei dir ist es bislang beim Wunsch geblieben. Interessant zu hören, dass es nicht so einfach ist. Tatsächlich würde ich also auch ein Tutorial für blutige Anfängerinnen zu schätzen wissen, wenn du dir die Mühe machen willst.
    Das Kissen sieht sehr gelungen aus, man sieht ihm deine vielen Mühen nicht an.
    Liebe Grüße Christiane

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  5. „Foundation Paper Piecing“ habe ich auch noch nicht ausprobiert, nach Deinem Erfolg werde ich mich wohl mal dran wagen. Ich habe festgestellt, dass man auf You Tube für ganz viele Techniken eine Erklärung findet, so bin ich durch Zufall auf die Konfetti-Technik gestossen.
    Mein ältester Sohn hatte lange Jahre eine Freundin vom Chiemsee, letztendlich haben sie sich getrennt, weil sie nach dem Studium wieder zurück in ihr Heimatdorf wollte und er „keinen Bock auf so ein konservatives katholisches Kaff“ hatte.
    viele Grüße Margot

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  6. Hallo Karin, wunderbar, dass du mutig deinen Weg eingeschlagen und einen heimatlichen Mittelpunkt gefunden hast. Deine beginnende Leidenschaft für Paper Piecing teile ich unbedingt, aus den Papierschiffchen wird bei mir ein Babyquilt und Ulrike hat mich nachhaltig mit der Fabrizierung der Harry-Potter-Blöcke angesteckt. Du siehst, es warten noch unzählige Papier-Herausforderungen auf dich. Weiterhin viel Freude dabei.
    LG eSTe

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  7. Oh ja, ich kann deine Schwierigkeiten sowohl mit PP als auch mit der Gegend gut verstehen.
    Vielleicht grenzen sich die Leute in so touristischen Gegenden ganz bewusst nochmal allem Neuen ab und rücken nah zusammen.Man bleibt irgendwie unter sich, obwohl man sich so offen geben muss.
    Ich war mal eine Zeitlang im benachbarten Tirol (und von dort aus oft zum Drachenfliegen am Chiemsee!) und fand das dort so unfassbar konservativ dass ich nach einem Jahr echt geflüchtet bin.
    Du hast deinen Schiffchen aber so herrlich optimistisch-gelbe Segel gegeben, das macht dann doch irgendwie einen positiven Eindruck. Gut gemacht!

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  8. Oh Karin, danke für Deine humorige Beschreibung Deiner ersten Versuche! Ein anschauliches Tutorial für komplette Neulinge (das dann gut beschlagwortet und SEO-optimiert, sodass es gut gefunden werden kann) lohnt sich sicher! Bayern und Land Salzburg, wo ich aufgewachsen bin, das ist so weit nicht voneinander entfernt. Und was Du vom erzkatholischen Dorfleben erzählst, kenne ich ähnlich aus dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen und in die Volksschule gegangen bin. Mit ein Grund, warum ich mir nicht vorstellen kann, je wieder in den Pinzgau zurückzuziehen. Am Chiemsee würde ich gerne mal segeln gehen, da bin ich bisher immer nur vorbeigefahren am Weg nach München. Jedenfalls gut, dass Du für Dich gute Wege gefunden hast – für Deine Papierboote und für Dein Leben. lg, Gabi

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  9. Also der ultimative Anfängerkurs ist hier bei Regina Grewe zu finden – so habe es sogar ich kapiert … und ich war seeeehr begriffstutzig. Schön das du dir die Boote erkämpft hast und Heimat! Auch ich bin nicht mehr in meine Heimatstadt zurück, war ich doch immer aus vieler Sicht nicht angepasst genug (erzkatholisch kommt mir in allen Konsequenzen sehr bekannt vor) und habe nie das gemacht was man von mir erwartet hat. Also habe ich mein Glück in der Flucht gesucht und das war genau richtig für mich, denn plötzlich waren die Erwartungen weg und ich konnte einfach ich sein und werden … LG Ingrid (PS: manchmal lohnt es sich auch dorthin zurück zu gucken, wo man herkommt und dann stellt man oft fest, dass sich auch dort zum Glück die Zeiten ändern)

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  10. Liebe Karin,
    DU hast dich tapfer durchgekämpft, das Ergebnis ist wunderschön.
    Wir haben das Unterallgäu als Rentnerwohnsitz auch wegen der vielen
    Wald- und Feldflächen gewählt, das viele Grün immer vor Augen zu haben ist sehr entspannend.
    Ein Tutorial aus der Erfahrung einer Anfängerin ist bestimmt willkommen.
    Als „Profi“ weiß man oft nicht, wieviel Erklärung nötig ist, denn zu lang und u fangreich darf es auch nicht sein, da verlieren die Leute die Lust.
    FPP habe ich erst einmal gemacht, das Entfernen des Papiers fand ich sehr nervig!
    Schön, daß du dich in Frankfurt wohlfühlst und dort eine neue Heimat gefunden hast.

    Liebe Grüsse
    Tyche

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  11. Dein Tutorial wäre auch etwas für mich – ich mache bislang noch einen großen Bogen um FPP und traue mich nicht recht, damit anzufangen. Die Schiffchen sind wunderhübsch geworden, die Schwiegermutter kann sich freuen.
    Gut, dass die Wunden verheilen, solche schwierigen Familiengeschichten können einen fesseln und lähmen, gut, dass du dich davon losmachst…
    Herzliche Grüße aus St. Petersburg!

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  12. Oha, meinen Respekt hast du, dass du dich nach den ganzen Hindernissen noch dazu durchgerungen hast dran zu bleiben. Ich würde sagen, du kannst richtig stolz darauf sein, was du geschafft hast. :)
    Die Boote sehen toll aus und ich wäre sehr an einem Tutorial interessiert :)
    Also vielleicht beflügelt es dich ja irgendwann und ich darf davon profitieren :D
    Liebe Grüße,
    Sarah

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