Stoffspielereien „100 Jahre Bauhaus“: Card-Trick-Topflappen für die „Frankfurter Küche“

Der fertige Card-Trick-Topflappen

Ihr Lieben,

„100 Jahre Bauhaus“ heißt das Thema heute bei den „Stoffspielereien“. „Siebensachen zum Selbermachen“ lädt dazu ein! Und so viel vorab: 100 Jahre Bauhaus war ein Thema, das mich sehr herausgefordert, aber nun, in der Rückschau sehr bereichert hat!
Ich gebe zu, dass ich rund um das Bauhaus nicht sehr bewandert bin – ich habe kunsthistorisch eher feministisches Wissen :-) Aber so kam mir auch, als ich nachzudenken begann, der Namen einer besonderen Frau in den Sinn, die ich mir im Zusammenhang mit „Bauhaus“ abgespeichert hatte: Und zwar die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897 – 2000), die Erfinderin der „Bauhaus-Küche“ bzw. „Frankfurter Küche“. Und so habe ich Frau Schütte-Lihotzky zum Ausgangspunkt für mein Stoffspielereienprojekt gemacht… Aber gerne erzähle ich die ganze Geschichte von ganz von vorne :-)

Margarete Schütte-Lihotzky als junge Frau (Quelle: Mono Verlag)

Ich selbst „kenne“ Margarete Schütte-Lihotzky von der „Frankfurter Treppe“.
[Kurzer Exkurs: Sollten Euch Eure Wege einmal nach Frankfurt am Main führen, geht unbedingt in den „Main Tower“ (einer der Wolkenkratzer…). Dieser ist öffentlich kostenlos zugänglich und im Foyer erwartet Euch ein atemberaubendes Wandmosaik: die „Frankfurter Treppe“ von Stephan Huber. Darauf „stehen“ und „sitzen“ 56 Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die alle auf ihre Art eng mit Frankfurt verbunden sind: Zum Beispiel Anne Frank, Margarete Mitscherlich, Oskar Schindler, Theodor W. Adorno, Ignaz Bubis – und eben auch die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Hier könnt ihr auf der Webseite des Künstlers einen Eindruck von der Frankfurter Treppe bekommen. ]

Geboren 1897 war Schütte-Lihotzky eine der ersten Frauen, die Architektur studierte und den Beruf umfassend ausübte – ihr großes Talent ebnete ihr hier einen wahrscheinlich aus heutiger Sicht unvorstellbar steinigen Weg. Sie war in den 1920er Jahren einige Jahre im Frankfurter Hochbauamt (als erste Frau!) tätig. Zu dieser Zeit war große Wohnungsnot in Frankfurt (da hat sich bis heute wenig geändert…) und es gab den Auftrag, 10.000 Sozialwohnungen zu bauen. Die Küche dafür entwarf Margarete Schütte-Lihotzk: die „Frankfurter Küche“, die bis heute als Prototyp der modernen Einbauküche gilt, war geboren.

Rekonstruktion der „Frankfurter Küche“ von 1926; Urheber: 8linden Frankfurter Küche, Christos Vittoratos – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0;

Ich habe oft gelesen, dass es im „Bauhaus“ darum ging, die Grenzen von Handwerk und Kunst aufzulösen. Da finde ich die „Frankfurter Küche“ ein sehr gelungenes Beispiel, nur dass sie eben (zusätzlich) im Kontext des sozialen Wohnungsbaus entstanden ist. Wie kann man eine möglichst praktische, zeitsparende, familienfreundliche Küche bauen, in der auf wenig Platz möglichst viel untergebracht kann – und die auch noch „schön“ ist? Das war zu dieser Zeit, in der die Küchen von großen Eichenschränken und sperrigen Anrichten geprägt waren, ein revolutionärer Gedanke. Die „Frankfurter Küche“ wurde damals sehr schnell zum Standard und ein wesentliches Beispiel für die Bewegung „Neues Bauen“. Und die experimentelle Lehrstätte dieser Bewegung war das „Bauhaus“ – und so wurde die „Frankfurter Küche“ auch sehr schnell zur „Bauhaus-Küche“.

Gequiltet wurde in 1 cm Abstand mit dem Obertransportfuß

Dass die „Frankfurter Küche“ bis heute gern auch „Bauhaus-Küche“ genannt wird, ist jedoch vor allem aus feministischer Sicht spannend, denn: Schütte-Lihotzky war selbst nie am Bauhaus.
Aber es war eben so: Das Bauhaus war, um vorsichtig zu sprechen, alles andere als feministisch und gerade Themen wie „Küchenbau“ wurden als „Weiberkram“ abgetan. Und so wurde von Seiten des Bauhauses keine „eigene Bauhaus-Küche“ (obwohl es eine gegegeben hätte…) vermarktet – das war den Herren zu trivial. Und so wurde letzendlich die Frankfurter Küche von Schütte-Lihotzky zu DER „Bauhaus-Küche“.

Ich finde Schütte-Lihotzky eine sehr spannende Frau (Links mit weiteren Infos zur ihrer bewegenden Biografie findet ihr unten) und die Frankfurter Küche großartig :-). Wir haben zwar zu Hause die „schwedische Küche“, aber auch diese geht, wie alle Einbauküchen, auf die „Frankfurter Küche“ zurück. Deshalb wollte ich die Stoffspielereien dazu nutzen, etwas „für die Küche“ herzustellen. Herausgekommen bin ich bei einem sehr profanen Gegenstand: Einem Topflappen.

Der fertig gequiltete Block :-)

Im Bauhaus wurde ja mustertechnisch gerne mit Illusionen gespielt – und so fand ich, dass der Quilt-Block „Card-Trick“ ganz hervorragend in diesen Kontext passt :-) Den wollte ich schon lange mal probieren – und nun war die Gelegenheit günstig :-) Genäht habe ich den Block nach dem Tutorial der „Missouri Star Quilt Company“. Es gibt nämlich 2 Wege, den „Card-Trick“ zu nähen, der in dem Tutorial ist der eindeutig leichtere! (Wer sich für die klassische Variante interessiert, kann hier nachlesen).

OK, meine Stoffe sind jetzt nicht exakt Bauhaus, sondern eben eher „Gütermann – Ring a rose“ (Stichwort: „Sew your stash…). Aber ich finde trotzdem, dass die Illusion sehr gut zur Geltung kommt. Für das Vlies habe ich zwei Schichten Thermolam verwendet, damit die Fingerchen auch wirklich am Topf schön kalt bleiben. Der weiß Kontraststoff ist von Moda.

Der Card-Trick-Topflappen macht sich auch als Topfuntersetzer hervorragend!

Ja, was bleibt mir für ein Schlusswort: Danke an die Stoffspielereien, dass Ihr mich mit diesem Thema herausgefordert habt! Ich hatte großen Spaß, ein wenig mehr über das „Bauhaus“ zu erfahren, mein Wissen über Schütte-Lihotzky zu reaktivieren und natürlich auch dabei, den „Card Trick“ zu nähen und zum Topflappen werden zu lassen.

Und wie gesagt: Schaut Euch unbedingt mal dieses Mosaik im Main Tower an :-) Neue Mainzer Straße 52-58!

Ich freue mich jetzt auf die anderen Stoffspielereien- Bauhaus-Beiträge – ich denke, ich werde wieder einiges lernen! Denn wer löst die „Grenze zwischen Handwerk und Kunst“ nicht schöner auf als Näherinnen? :-)

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

Links:

Wikipedia-Artikel über Margarete Schütte-Lihotzky
Biografie über Margarete Schütte-Lihotzky auf „Frankfurter Frauenzimmer“
Podcastreihe von Deutschlandfunk Kultur:  „Frauen im Bauhaus“ (sehr empfehlenswert!)

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Die Stoffspielereien

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach eine Mail oder einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Die nächsten Termine:
28.04.2019: „100 Jahre Bauhaus“ bei Siebensachen zum Selbermachen https://siebensachen-zum-selbermachen.blogspot.co.at/
26.05.2019: „Heimat“ bei Nahtlust https://nahtlust.de/
30.06.2019: „Afrika“ bei made with Blümchen https://www.madewithbluemchen.at/
29.09.2019: „Miniatur“ bei Feuerwerk bei Kaze https://feuerwerkbykaze.blogspot.com/
27.10.2019: „Handweben“ bei Schnitt für Schnitt http://schnittfuerschnitt.de/
24.11.2019: (Thema noch offen) bei Nähzimmerplaudereien https://naehzimmerplaudereien.com/

12 Gedanken zu “Stoffspielereien „100 Jahre Bauhaus“: Card-Trick-Topflappen für die „Frankfurter Küche“

  1. Du hast viel interessante Information zusammengetragen – vielen Dank dafür. Dein „profaner“ Topflappen strahlt aber ganz den Geist des Bauhauses aus. Danke auch für die Info zum Main Tower; da werde ich beim nächsten Frankfurt-Besuch bestimmt reinschauen.
    LG
    Siebensachen

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  2. Danke für Deinen interessanten Ausflug in die Geschichte der „Frankfurter Küche“ – das war mir völlig neu! Da ich aber rationelles Arbeiten (auch in der Küche!) liebe, verdanke ich Margaret Schütte-Lihotzky vermutlich sehr viel!
    Und der CardTrick ist Dir gut gelungen, ich will den auch irgendwann noch nähen, da ich optische Illusionen aus Stoff ja sehr mag (und bin diesen Sonntag leider nicht bei den Stoffspielereien dabei – Leben und so….).
    Liebe Grüße
    Ines

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    1. Liebe Ines, danke Dir sehr für Deinen lieben Kommentar! Wie schön, dass Du in meinem Beitrag Neues für Dich entdecken konntest! Ja, ich liebe auch gut durchdachte Küchen :-) Danke aufh für Dein Lob für den „Card Trick“. Ich liebe diesen schwarz-weißen Illusionsblock von Dir sehr! Der steht auch noch auf meiner To-Sew-Liste! Liebe Grüße! Karin

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  3. Eine naheliegende Kombination. Übrigens befindet sich in Löbau im Haus Schminke auch eine original Frankfurter Küche.
    Für die Bauhaussiedlungen gab es Küchenkonzepte mit Schiebetüren, Spühldurchhangsraum und Durchreiche. Durchreichen finden sich später in DDR-Wohnblöcken.
    Danke für die Infos zur Frankfurter Küche.
    LG Ute

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  4. Hallo Karin :)
    Ich wollte auch Danke sagen für diesen tollen Blogeintrag. Mir geht es ähnlich wie Dir: Bauhaus selbst ist mir relativ gleichgültig bzw. habe ich mich nur damit beschäftigt, aber feministische Geschichte interessiert mich immer und unter diesen Aspekt ist dein Blogpost für mich sehr spannend. Er fällt für mich eindeutig in die Kategorie ‚Frau kann keine Kunst und eine Küche (und noch dazu von einer Frau entworfen) kann kein Kunstgegenstand sein kann, egal wie sie aussieht.‘
    Du hast mich einmal wieder auf die Stoffspielereien aufmerksam gemacht. Bis jetzt habe ich mich nicht getraut daran teilzunehmen, da das Niveau so hoch wirkt. Mache Themen würden mich aber sehr reizen. Bei anderen wäre ich persönlich eher vorsichtig… Vielleicht überwinde ich mich demnächst doch einmal. Danke auf jeden Fall für all die Anregungen!
    Liebe Grüße!

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  5. Toller Artikel und ich habe wieder was gelernt. Ich mag die Stoffspielereien sehr und wie die Teilnehmer mit den Herausforderungen umgehen … für mich die kreative Elite und den Bloggern, die ich so kenne. LG Ingrid

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  6. superspannend. da fand ich deine recherchen drumherum kurzzeitig spannender als dein nähstück. auch das ist zauberhaft geworden. eine schöne verbindung zwischen historie und handarbeit. ganz nach meinem geschmack.
    liebst,
    jule*

    Gefällt 1 Person

  7. Jetzt muss ich doch hier einmal Reklame für meine donnerstägliche Great-Women-Reihe machen, in der ich inzwischen 180 Frauen vorgestellt habe, gerade vorgestern eine Bauhäuslerin, nämlich Anni Albers, Lily Reich und Marianne Brandt sind auch darunter und natürlich Grete Lihotzky. Baldt kommt noch eine weitere Frau dazu.

    Ich würde mich riesig freuen, wenn mehr Bloggerinnen meine Sammlung beachten und nutzen würden. Hier ist meine Übersicht über die bisher erschienen zu finden:
    https://lemondedekitchi.blogspot.com/p/great-women-neu.html

    Liebe Grüße
    Astrid

    Gefällt 1 Person

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