Meine Bluse Aster von Colette – und ein paar Worte zur Vielfalt von Frauenbildern

Ihr Lieben,

ja, ich habe es getan: Eine Bluse mit Knopfleiste genäht! Es ist die Bluse Aster von Colette geworden, in der Kurzarmvariante. Ja, sie ist nicht perfekt, und ja, in Sachen Passform ist noch deutlich Luft nach oben – aber: sie ist tragbar :-)

Bevor ich Euch jedoch noch mehr zu meiner ersten „Bluse mit Knopfleiste“ erzähle, möchte ich Euch kurz mit auf einen gedanklichen Ausflug nehmen. Der Grund dafür, warum ich mich für ein Colette-Schnittmuster entschieden habe, hat nämlich was mit dem Thema „Vielfalt“ zu tun. Mit dargestellter Vielfalt, wenn man so will.

Vielfalt – das ist irgendwie auch ein Thema, von dem ich nicht loskomme. Ein im wahrsten Sinne des Wortes vielfältiger Blog ist der internationale Nähblog „Sewcialist“. Hinter Sewcialist steht eine Gruppe ganz unterschiedlicher Frauen, alle nähverrückt. Und genau das wollen die Damen auf dem Blog sichtbar machen: „We all have intersecting identities of age, size, health, ethnicity, gender, orientation, language, nationality, sewing skill level and so much more!“ Und so findet man dort auch z.B. Berichte queerer oder muslimischer Bloggerinnen – mehr als selten und mehr als großartig!

Im Juni hatte die Bloggerin Ebi vom Blog „Making the flame“ auf Sewcialist einen Bericht veröffentlicht, der mich sehr berührt hat. Sie beschreibt darin, dass sie in ihrem örtlichen Stoffladen war, wo an der Kasse das neuste Colette-Schnittmuster ausgestellt war, das Kleid Claudette. Und das Modell, dass das Kleid auf der Schnittmusterverpackung zeigte, war so ganz anders als sonst.

Ebi beschreibt dieses Erlebnis so:

„I’m a fat, black, tall woman with short hair. In the American aesthetic, fat is ugly, black is ugly, tall only works if you’re a supermodel, and short hair is not feminine. No one who looks like me is ever a part of any aesthetic campaign. (…). I grew up knowing I was not beautiful, could not be beautiful, and no one wanted to look anything like me. But here in front of me, years later, was this model wearing the latest Colette pattern – and she looked like me. “

Ich versuche, das mal zu übersetzen:

„Ich bin eine übergewichtige, schwarze, große Frau mit kurzen Haaren. Nach ästhetischen Empfinden in den USA gilt übergewichtig als hässlich, schwarz als hässlich, große Frauen sind nur als Supermodels akzeptiert, und kurze Haare gelten als nicht feminin. Niemand sieht so aus wie ich, wenn es etwas zu zeigen oder darzustellen gibt. (…) Ich bin mit der Gewissheit aufgewachsen, dass ich nicht schön bin, nicht schön sein kann und niemand so aussehen möchte wie ich. Und jetzt, Jahre später, sehe ich dieses neuste Schnittmuster von Colette – und das Modell darauf sieht aus wie ich.“

Sowas zu lesen lässt mich nicht kalt. Jetzt bin ich selbst als Lesbe gewohnt, aus dem Rahmen zu fallen. Aber: Ich bin zumindest eine weiße Frau. Mir wird immer wieder klar, dass „People of colour“ an einer ganz anderen Stelle stehen, was Diskriminierungserfahrung und eben auch – wie hier – Repräsentation in der Gesellschaft anbelangt. Und da sind wir noch nicht bei den Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, oder der Körperformen… allein die Hautfarbe ist auch im Jahr 2018 scheinbar noch ausreichend dafür, um ausgegrenzt zu werden.

Nehmen wir nur mal den Bereich der „Schnittmuster“: In unserer deutschen/europäischen Schnittmuster-Welt ist in Sachen Diversität nicht viel geboten. Nach wie vor gibt es viele Schnittmuster nur bis Größe 42/44. Und die Modells, die die Stücke zeigen, tragen höchstens 38. Besonders deutlich wird das, meinem Empfinden nach, bei Büchern.

Bei den Indie-Labels sieht es besser aus – das Größenspektrum geht weiter und da sind auch oft Plus-Size-Frauen zumindest unter den Nähbeispielen. Aber viele Nationalitäten nehme ich auch dort nicht wahr – und auch an einer Frau mit Behinderung habe ich noch kein Schnittmuster sehen dürfen.

Colette macht wohl hier gerade eine bewusste Öffnung hin zu mehr Diversität in allen Belangen (u.a. hier nachzulesen). Und, auch das finde ich toll: Sie setzen sich kritisch damit auseinander, warum sie das bislang nicht gemacht haben. Das finde ich bemerkens- und unterstützenswert!

Und so spannt sich mein Bogen zum meinem heutigen Nähwerk: Eben der Bluse Aster von Colette.

Es war wahrscheinlich leicht übermütig von mir, meine erste Knopfleiste nach einer englischsprachigen, wenn auch sehr guten, Anleitung zu nähen. Und so bin ich auch mit der Knopfleiste nicht sehr zufrieden. Irgendwo habe ich einen Fehler gemacht…trotz des ausführlichen Sew-Alongs, den es zur Bluse gibt. Die Leiste ist, glaube ich, zu schmal geworden. Und so sind die Knopflöcher auch verdammt nah am Rand, was meine Maschine nicht optimal fand. Na ja, wie Ihr seht: Die Bluse hat benutzbare Knopflöcher, und auch einigermaßen dort, wo sie sein sollen. Mehr darf ich beim „ersten Versuch“ vielleicht auch nicht erwarten…

Insgesamt ist der Sitz der Bluse sehr gut, allein, sie ist mir am Bauch viel zu weit. Ich habe während des Nähens mehrere Anproben gemacht, war aber beim Abnähen und Wegschneiden nicht mutig genug.

Womit ich auch hadere, ist mit meiner Stoffwahl. In die Bienchen, die auf dem feinen, blauen Streifen herumschwirren, hatte ich mich bei „Stoff und Stil“ auf Anhieb verliebt. Und ich dachte, dass im Sommer auch mal ein helleres Kleidungsstück zu mir passt (ich trage sonst eher dunkel…). Ich finde auch, dass ich den Stoff gut tragen kann – allein das Material „gewebte Viskose“ ist so unendlich empfindlich, dass es für mich kaum zu akzeptieren ist. Schon beim Zuschnitt habe ich gemerkt, dass das Gewebe sehr leicht „Fäden zieht“. Auch muss die Bluse extrem vorsichtig gebügelt werden, da man sonst das Materials quasi „auseinanderbügelt“. In meinem Alltag mit Kind und Kindergartenwahnsinn, Fahrradstrecken und übervollen U-Bahnen brauche ich tatsächlich Kleidungsstücke, auf die ich nicht aufpassen muss. Insofern ist meine Aster wohl eher eine „Bluse für Sonntag“ und sorgt auf diese Weise für mehr Diversität im Kleiderschrank :-)

Und die Moral von der Geschicht?
Auch, wenn die Bluse nicht ganz so geworden ist, wie ich es erträumt habe, so ist es in jedem Fall ein Stück, dass mich nähtechnisch und von meiner inneren Haltung her ein großes Stück weiter gebracht hat. Es loht sich, genau hinzuschauen, im Sinne der Vielfalt.

In diesem Sinne darf Aster jetzt noch u.a. zu Sew La La und zu meiner Linkparty „Frau freut sich – immer am 15.“ – wohin Ihr auch alle herzlich eingeladen seid!

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

Stoff: Gewebte Viskose von Stoff und Stil (zumindest online nicht mehr erhältlich)

Schnitt: Bluse Aster von Colette

Linked @: Sew La La, Du für Dich, Frau freut sich, Auf Streifzug

Es handelt sich bei obigen Blogbeitrag um einen redaktionellen Text. Den Stoff sowie das Schnittmuster habe ich selbst käuflich erworben. Ich stehe mit den genannten Firmen in keinerlei kommerzieller Verbindung; die Nennung der Namen/Marken erfolgt lediglich zur Information meiner Leserinnen, da ich dies selbst als wertvoll für den kreativen Prozess empfinde.


9 Gedanken zu “Meine Bluse Aster von Colette – und ein paar Worte zur Vielfalt von Frauenbildern

  1. Danke für den zum Nachdenken anregenden Eingangstext. Selbst geachtet habe ich auch schon auf die Beispielklamotten und wie diese auch an größeren, breiteren Menschen wirken. Dass tatsächlich bisher ausschließlich weiße Frauen gezeigt haben, dass fiel mir bisher nie auf. Jedoch aber in Ottobre-Zeitschriften für Kinder, dort sind immer Menschen aller Hautfarben vertreten und das ist super!

    Viel Spaß mit der trotzdem schönen (luftigen) Sonntagsbluse!

    Viele Grüße,
    Ina

    Gefällt 1 Person

  2. Der Stoff ist sehr schön 😍 und nähtechnisch schaut man selbst immer viel zu kritisch hin. Die ganzen „Mängel“ sehen Nicht-Näher selten bis nie. Ich war mal in einem meiner Erstlingswerke sehr peinlich berührt, als eine Kollegin fragte, ob ich das Teil selbst genäht hätte. Sie fand die Stoffkombination aber so toll und dachte sich, dass es deshalb nicht von der Stange kommt. An der Verarbeitung ist ihr nichts negativ aufgefallen. 🤔😂 Von daher – einfach tragen, passt schon so. 👍🏻
    Die Alltagstauglichkeit von Stoff oder Schnitt ist für mich auch oft ein Problem. Da habe ich noch keine Lösung gefunden.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deine lieben Worte! Ja, da hast Du recht: Wir Näherinnen sind viel zu kritisch. Und ich bin immer noch erstaunt, dass sich, wenn ich etwas Selbstgenähtes trage, im Büro niemand nach mir umdreht und fragt, wie ich denn so rumlaufen könnte….
      Ja, und „gute Stoffe“ zu erkennen – das ist scheinbar ein langer Lernprozess…
      Liebste Grüße! Karin

      Gefällt 1 Person

  3. Danke für den schönen Beitrag! Ich mag die Sewcialists genau aus den von dir genannten Gründen auch sehr gerne. Und witzigerweise habe ich mir letzte Woche genau aus demselben Stoff auch eine Bluse genäht. Bei mir ist es allerdings das Ruffle Top von In the Folds geworden, ohne Knöpfe 😉. Schön, dass du mit deinem Post bei Sew La La dabei bist! Liebe Grüße Melanie von The Flying Needle

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Melanie, danke für deinen lieben Kommentar! Wie schön, dass der Stoff auch bei Dir im Einsatz ist. Vielleicht berichtest Du mal, ob die qualitätativ mit ihm besser klarkommst, als ich. Vielleicht hab ich ja auch ein „Montagsstoffstück“ erwischt… Ich kann ihn mir als Ruffle Top sehr gut vorstellen! Liebe Grüße! Karin

      Gefällt mir

  4. Hallo Karin!
    Ich habe den Eingangstext schon dreimal gelesen. Immer noch macht er mich irgendwie sprachlos – danke, dass du das mal darstellst.
    Mir war bisher tatsächlich nur bei Blank Slate Patterns aufgefallen, dass dort ein „normaler“ Schnitt durch die (amerikanische) Gesellschaft auf den Beispielbildern abgebildet ist, für Kinder wie für Frauen. Viele Hautfarben, viele Körperformen. Eigentlich passen mir die Schnitte nicht mal gut, aber mich sprechen die so sehr verschiedenen Beispiele oft an, und dann kaufe ich doch wieder einen Schnitt. Die Sewcialists merke ich mir mal.

    Zu deiner Bluse: Ich war erst mal erstaunt und überrascht ob der Ausschnittgröße, die habe ich selten an dir gesehen. Aber ich mag den Stoff supergern und hätte ihm gar keinen so widerspenstigen Charakter zugetraut, er sieht so schön bequem, weich und schick aus. Ja, an der Passform könnte man sicher etwas optimieren, aber ich wäre an deiner Stelle auch erst mal stolz auf Knopfleiste, Bügelarbeit und Fertigstellungserfolg. Bei mir liegen Blusenschnitte seit Jahren unangetastet herum…

    Liebe Grüße!
    Meike

    Gefällt 1 Person

Danke für Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.