Ein paar Worte zum „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“

Heute, am 26. April, ist der „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“ – und für mich Anlass, hier bei mir im Blog mal wieder ein bisschen politischer zu werden. Braucht unsere Gesellschaft denn, in Zeiten von „Ehe für alle“ und queerem Miteinander noch einen „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“?

Oh ja, denn: So schön es ist, dass wir mittlerweile von einer großen „queeren Community“ reden können, in der alle Platz haben: Lesben, Schwule, Bisexuelle, transgeschlechtliche Menschen…, eben alle, die nicht in die heteronormative Schublade passen – so schwierig ist es für Lesben, in diesem großen Miteinander Gehör zu finden. Jede dieser Gruppen hat ganz eigene Themen, ganz eigene Bedürfnisse – und gerade die lesbischen fallen gern mal „hinten runter“. Denn: Wir Lesben  sind Frauen und haben gelernt, uns „hinten anzustellen“. Es gibt es die Theorie, dass Lesben nur so lange in der Community „stark“ sein dürfen – solange sie angepasst sind, was vor allem auch heißt: den anderen den Vortritt zu lassen. Ja, davon bin ich auch überzeugt: Es gibt sowas wie eine „queere Ignoranz“ gegenüber lesbischen Themen.

Das macht mich unglaublich wütend!  Denn es gibt so vieles, was für uns Lesben im Argen liegt.

Da gibt es z.B. die vielen dunklen Kapitel lesbischer Gesellschaftsgeschichte, die mühsam aufgearbeitet werden müssen. Ein Beispiel: Bis vor wenigen Jahren wurde Frauen, die sich aus einer Ehe mit einem Mann lösten und mit einer Frau zusammenlebten, quasi „automatisch“ das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder entzogen. Die Kinder sollten beim Vater, also in „geordneten Verhältnissen“ bleiben. Es ist kaum zu erahnen, wie viel Schmerz die betroffenen lesbischen Frauen aushalten mussten, wie viele Traumata und wie viel Trauer allein in diesem Kapitel lesbischer Geschichte verborgen sind….

Ja, und dann könnte ich vor Wut im Dreieck springen, dass sich die neue Bundesregierung  weigert, ein modernes Familien- und Abstammungsrecht auf den Weg zu bringen, dass dafür sorgen würden, dass zwei miteinander verheiratete Frauen, die eine Familie gründen, automatisch die rechtlichen Eltern des Kindes sind – ohne diskriminierende Stiefkindadoption.

Auch finde ich es ein Unding, dass es kaum positiv besetzte lesbische Figuren in Filmen und Serien gibt. Wo sind die politischen lesbischen Gallionsfiguren? Wo die offen lesbischen Profisportlerinnen? Und wo die offen lesbischen Bloggerinnen? Für viele Menschen gibt es genau zwei Lesben in dieser Republik: Hella von Sinnen und Ulrike Folkerts. Ok, vielleicht fällt so manchem noch Anne Will ein. Aber: Zwischen 5 und 10% aller Frauen sind lesbisch – also auch aller Schauspielerinnen, Sportlerinnen, Moderatorinnen, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Politikerinnen….Wo sind sie alle? Wo sind die Vorbilder für Mädchen und Frauen, die merken, dass sie nicht in die Heteroschublade passen?

Ja, es ist nicht einfach, sich zu outen. Die (berechtigte) Angst vor Diskrimierungserfahrungen ist groß. Da haben wir Lesben, schon allein, weil wir Frauen sind, einfach schon zu viel erlebt. Aber es ändert sich nichts, wenn wir immer nur den Weg des geringsten Widerstandes gehen.

Mädels, hier ist ein kämpferischer Neuaufbruch gefordert. Wir müssen dafür sorgen, dass wir (wieder?) sichtbarer werden. Und wer weniger dafür zu haben ist, auf die Straße zu gehen oder in Gruppen und Verbänden aktiv zu werden, der kann durch bewusstes Handeln im Alltag einiges tun: Lesbische Literatur lesen und dadurch die Frauenbuchverlage unterstützen, bewusst Urlaub an ausgewiesenen Frauenorten zu machen, Frauenbildungshäuser zu besuchen…all diese sind Bewahrerinnen lesbischer Sichtbarkeit und lesbischer Kultur.

Und: Bewusst outen. Rauskommen. Lesbische Themen in unserer heteronormativen Welt sichtbar machen. Eben z.B. auch im Blog. Natürlich spielt es für meinen Blog nur eine untergeordnete Rolle, dass ich lesbisch bin. Aber trotzdem verstecke ich meine Identität bewusst nicht – und hoffe, mit dieser Sichtbarkeit andere Mädchen und Frauen zu ermutigen, sich ebenfalls zu outen und einen stolzen lesbischen Lebensweg zu gehen – natürlich mit der Nähmaschine unterm Arm :-)

In diesem Sinne alles Liebe,
Karin

Linked @: DIY or die – Politisierungssammlung


6 Gedanken zu “Ein paar Worte zum „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“

  1. Karin hat gesprochen, Katrin schließt sich bedingungslos an! Die sexueller Orientierung ist nicht frei wählbar, aber lesbisch sein ist dennoch Rebellion, denn nur wir zeigen in so unverkennbarem Maße wie gut Leben auch ohne den männlichen Beistand funktioniert. Frauen, wir sind Punk!

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  2. Meine liebe Karin,
    genau diese Worte mussten mal gesagt werden. Und es nervt mich gewaltig, wie unsere so offene Gesellschaft mit dem Thema umgeht. Leitfiguren fallen mir da nicht so recht ein, außer der Hella. Eigentlich schade.
    Als ich jung war,habe ich gedacht, alles Lesben sind wie Hella (ich bin auf dem Dorf aufgewachsen) und als.mein bester Freund sich dann outete,habe ich erlebt,was die weltoffene Mutter machte: sie brach weinend zusammen:(
    So richtig alltagstauglich ist das ganze Thema immer noch nicht (neulich fragte einer,ob er denn immer noch schwul sei! Als ob das so wie bei vegetarischen Teenies ist, die jede Woche ne andere Marotte haben.) und ich gehe nächste Woche zu einer lesbischen Hochzeit für die ich keine Karte finden konnte, weil man ’sowas‘ noch nicht hatte. Nervt nur!

    Unsere Freundin Olja lebt seit fünfzehn Jahren mit ihrer Freundin Katja zusammen, aus einem.Urlaub kam sie schwanger wieder, der Kleine wohnt mit den beiden in Moskau. Sie haben nie gesagt,dass sie zusammen leben/lesbisch sind/sich lieben. Wir haben nie nachgefragt, weil wir wissen,welche Probleme ‚das‘ in Russland macht. Ich könnte jedes Mal weinen,wenn ich drüber nachdenke.

    Also.Mädels: geht raus, räumt die ganzen Vorurteile auf, zeigt euch, lebt, liebt, bleibt in Erinnerung.
    Wir haben alle.nur ein Leben und aus dem kommt keiner lebend raus. Und genau deshalb sollten wir Spaß haben, ganz gleich, welche Orientierung wir haben!

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    1. Liebe Susann, vielen Dank für Deine Worte und Gedanken. Die Beispiele, die Du beschreibst, zeigen ganz klar auf, wo wir gesellschaftlich stehen: Eben nicht am Ende des Kampfes um die Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung sondern bestenfalls im ersten Drittel….und wenn wir nach Osteuropa oder über den Erdball schauen, noch ganz am Anfang…
      Bei uns hier in Deutschland ist gerade die Diskriminierung innerhalb der Familie immer noch an der Tagesordnung – Partnerinnen werden nicht eingeladen oder im Vorfeld einer Familienfeier wird deutlich ermahnt, sich nicht als Paar auszugeben… wir kennen es alle…
      Lass uns die Doppelaxt wieder ausgraben :-) LG, Karin

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