Mein Taschenorganizer Kalium – und ein Wort zu den „Nur-Projekten“ von uns Nähbloggerinnen

Wie oft lese ich einen Blogbeitrag, in dem z.B. ein wunderschönes Federmäppchen gezeigt wird, der mit den Worten beginnt: „Heute kann ich Euch leider NUR ein kleines Täschchen zeigen…“. Nur. Da will ich  rufen: „Das Mäppchen ist großartig, handgemacht, die Stoffe toll gewählt – was heißt da NUR?“

So, und als ich nun den Text für diesen Blogpost hier zu schreiben beginne, welcher Satz will sich da von meinem Kopf aufs Papier schmuggeln? Dass ich heute tatsächlich „nur“ eine recht einfache Tasche zeige, nämlichen einen Taschenorganizer. Gibt’s das? Woher kommt das, frage ich mich?

Noch vor 2 Jahren wäre ich meilenweit davon entfernt gewesen, ein solches Täschchen zu nähen. Klar, ich habe mittlerweile mehr oder weniger komplizierte Kleidungsstücke und auch komplizierte Taschen wie die Sew-Together-Bag genäht. Aber ist deshalb ein einfacher zu nähendes Werkstück weniger wert, wird es zu einem „Nur-Projekt“?

Wir alle, die wir selbst nähen, wissen doch am Besten, dass JEDES Teil Mühe macht. Die passenden Stoffe zu finden, zuzuschneiden, zu nähen – mal abgesehen von den Kosten, die bezahlten und unbezahlten, die hinter jedem selbstgenähten Teil stehen: Sei es ein Halstuch, ein Blazer, ein Rucksack oder eben ein Taschenorganizer. Ich möchte das nicht werten, weil man die Projekte nicht vergleichen kann. Meinem Empfinden nach ist keines davon ein „Nur-Projekt“ – schon allein eben deshalb, weil in jedem Teil unsere Liebe zum Nähen steckt. Das wissen wir, und trotzdem schreiben wir NUR.

Doch die Tatsache, dass wir Nähbloggerinnen „Nur-Projekte“ benennen, hat, glaube ich, noch einen ganz anderen Motor: Die meisten von uns sind Frauen. Und deshalb ist das, was mir machen, in unseren Augen mal ganz schnell „weniger wert“, eben ein „Nur-Projekt“. Frauenberufe (z.B. Sozialpädagoginnen) sind nicht umsonst schlechter bezahlt als Männerberufe (z.B. Ingenieure) – und das beim gleichen Abschlussniveau. Die Arbeit der Männerdomäne ist „mehr wert“, weil sie (angeblich) schwieriger ist. Dass diese Wertung existiert, haben wir Frauen von klein auf gelernt und wenden es mal ganz schnell bei uns selbst an. Weibliche Sozialisation. Und die ist ganz eng verknüpft mit der Wertschätzung weiblicher (Erwerbs-)Arbeit jeder Art.

Noch ein anderes Beispiel: Mir hat mal ein Verkäufer im Fahrradladen erzählt, dass Männer, die mit Mountainbiking beginnen, sich oft schon zu Beginn sehr teure, professionelle Räder kaufen. Frauen kaufen meistens erst mal ein „Einsteigerrad“. Diesem Verhalten begegnen die Verkäufer/innen auch mit unterschiedlichen Verkaufsstrategien. Das „solide Einsteigerrad zum Ausprobieren“ wird Männern gar nicht erst vorgeschlagen.

So, und jetzt bitte Hand hoch, wer das Hobbynähen mit einer sog. „Einsteigermaschine“ begonnen hat?

Ich bin beruflich bedingt viel in „Männerwelten“ unterwegs und weiß aus täglicher Erfahrung, dass eine männliche Sozialisation eben für andere Mechanismen sorgt. Viele meiner Kollegen gehen mit dem kleinsten Erfolg laut nach außen, wo ich noch denke, dass das doch selbstverständlich ist und man darüber nicht reden muss. „Nur-Projekte“ gibt es in männlich dominierten Kontexten meiner Erfahrung nach viel, viel weniger. Und ich lerne mühsam, mein Licht nicht unter den (weiblichen) Scheffel zu stellen, sondern auch auf jeden noch so kleinen Erfolg stolz zu sein diesen auch zu kommunizieren.

Was heißt das jetzt für unsere „Nur-Projekte“? Ganz einfach: Es gibt sie nicht. Alles, was wir nähen, hat es verdient, gezeigt und gelobt zu werden. Selbst, wenn es schiefgelaufen ist. Denn Liebe steckt auf alle Fälle drin.

Auch hier, in meinem Taschenorganizer Kalium, der nach dem Freebook von Frau Rausch entstanden ist. Kombiniert habe ich hier zwei wundervolle Stoffe aus meinem Fundus: Der Außenstoff ist von Kokka, der Innenstoff ein Tilda-Stoff (Painted Lily blau). Ursprung dieses Nähprojekts war übrigens der Satz meiner Frau: „Ich bräuchte mal sowas wie eine Tasche in der Tasche, damit nicht alles rumfliegt…“. Sie hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da wusste ich schon, dass „Kalium“, den ich aus mehreren Blogbeiträgen kannte, mein nächstes Nähprojekt wird. Schon allein deshalb ist Kalium wahrlich kein „Nur-Projekt“. Seien wir stolz auf das, was wir machen – und freuen uns mit und über die Nähwerke der Anderen, die kleinen und die großen :-)

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wundervollen Dienstag!
Karin

Stoffe: Außenstoff von Kokka (vergriffen, ähnlich noch auf Dawanda), Innenstoff Tilda „Painted Lily blau“ (z.B. noch hier erhältlich)
Schnitt: Taschenorganizer Kalium (große Version) nach Freebook / Tutorial von Frau Rausch

Linked @: DIY Politisierungssammlung, Taschen und Täschchen, Handmade on Thuesday, Creadienstag, Dienstagsdinge, Freebook-Linkparty


15 Gedanken zu “Mein Taschenorganizer Kalium – und ein Wort zu den „Nur-Projekten“ von uns Nähbloggerinnen

  1. Liebe Karin,
    das ist ein Thema, das mich seit vielen Jahren (seit der Diplom-Arbeit zur Einkommensdiskriminierung) auch umtreibt. Ich bin ja auch in einem Beruf selbständig, der eigentlich nur von Männern ausgeübt wird. Aber da Produkte und keine Dienstleistung bezahlt werden, merke ich keine Einkommensunterschiede. Ich mag es wie Du, wenn bei Nähprojekten die Gedanken dahinter verspürt werden können und es kein schnell hingeschludertes Projekt ist – und da ist mir ein liebevoll genähtes Täschchen bspw. lieber als eine Jacke, die schnell runtergenäht wird (da hipp), nicht passt und evtl. nur als Stoffbeispiel genäht wurde und nichts zusammenpasst. Das sind für mich die wirklichen „Nur“-Projekte!
    Ich habe noch nie auf einer Einsteigernähmaschine genäht – aber das habe ich wohl meiner Mutter zu verdanken, die mir mit 14/15 Jahren schon eine Bernina schenkte…. Aber wir versuchen, das auch unseren Kindern weiterzugeben: das zu kaufen, was man sich leisten kann, aber da das Bestmöglichste.
    Danke für Deine Gedanken & liebe Grüße
    Ines

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    1. Liebe Iris, dein Diplomarbeitsthema hört sich sehr spannend an! Und was Du über schnell hingeschluderte Projekte schreibst – dem muss ich auch voll zustimmen. Das sind wirklich „Nur-Projekte“. Dass Du schon auf einer Bernina angefangen hast, da hattest Du ja allerbesten Einfluss :-) LG und danke für Deine Worte! Karin

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  2. Liebe Karin,
    eine ganz zauberhafte Tasche hast Du da genäht. Die ist wirklich kein „nur“-Projekt!
    Dein Post macht mich nachdenklich, ich nicke zustimmend und muss auch ein bisschen schmunzeln! Stimmt schon, was Du schreibst, aber man/n/frau kommt da nur schlecht aus seiner/ihrer Haut …
    Ich nähe übrigens immer noch auf einer Einsteiger-Maschine (Brother Innovis10), bin aber schon einen Schritt aufgestiegen, nachdem ich lange auf einer „mal sehen, ob ich nach zwei Versuchen noch Lust habe“ (Aldi)-Maschine genäht habe.
    Liebe Grüße und vielen Dank zu Deiner Einladung zu Deiner Linkparty!
    Vera

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  3. Hand hoch für die Einsteigermaschine von mir (die auch noch genutzt wird als Mitnehmmaschine). Und ja du hast Recht, auch mit deinem Verhalten wie du (oft männliche) Kollegen beschreibst … solche habe ich auch und ja ich betrachte manches tatsächlich als Selbstverständlichkeit. Allerdings freue ich mich persönlich immer noch über jede einzelne genähte Teil und deinen Organizer finde ich sehr schön! LG Ingrid

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  4. Hallo Karin! Ich hebe die Hand. Meine Nähmaschine ist eine unprätentiöse W6. Aber die kann, was ich brauche. Und ich wäre nie auf die Idee gekommen, richtig Geld in „nur“ ein Hobby zu investieren.
    Dein Text hat mir aus der Seele gesprochen. Ich habe für Juni ein zweitägiges, schweineteures Seminar zum Thema „Selbstmarketing für Frauen“ gebucht. Schon bezeichnend, dass es das explizit für Frauen gibt, oder?
    Ich glaube, „nur“-Projekte sind subjektiv, aber fast jede Frau hat sie. Bei mir sind das T-Shirts. „Nur“ vier Teile, „nur“ ein paar gerade Nähte, in „nur“ 30-60 Minuten fertig, „kann ja jeder“. Taschen laufen bei mir unter „hohe Schule“, weil ich offenbar an präzisem Zuschneiden scheitere.
    Danke für deine selbstkritischen Betrachtungen und den Gedankenanstoß!
    Liebe Grüße, Meike

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    1. Liebe Meike, wenn Du das Seminar hinter Dir hast – vielleicht magst Du ja mal davon erzählen. Das passt ja wirklich sehr… Und bei den Shirts geht e mir wie dir: Alles „Nur-Projekte“ im Kopf. Also ob das nichts mehr wert wäre. Und eben auch der Satz „Kann ja jeder“. Das ist echt verrückt… Liebste Grüße und Danke für Deine Worte! Karin

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  5. Da hast Du genau ins Schwarze getroffen. Dieses Thema ist so wichtig und eigentlich auch überhaupt nicht unauffällig…trotzdem scheint es vielen Menschen nicht bewusst zu sein. Ich schreibe bewusst Menschen, da ich den Eindruck habe, dass nicht nur Frauen ihre eigenen Erfolge unbewusst nicht zu „verkaufen“ wissen, sondern dass auch Männern dieses Verhalten als „typisch weibliche Zurückhaltung“ wahrnehmen, ohne sich darüber zu wundern. Ich bin leider auch sehr dem „Understatement“ zugetan und habe erst in den letzten Jahren (bedingt durch private und berufliche Veränderungen) daran arbeiten müssen. Das war gut so und meine eigene Entwicklung macht mich nun stolz…und ich gestehe es mir ein darauf stolz zu sein. Auch wenn ich noch viel Entwicklungspotenzial habe. Bedeutend finde ich es aber auch, dass ich (wenn überhaupt) nur von Frauen gesagt bekomme welch gute Arbeit ich leiste und dass ich mein Licht nicht so oft unter den Scheffel stellen solle. Ein Beitrag wie Deiner schafft da bestimmt Bewusstsein, da es um eine alltägliche Situation geht, die man oft nicht hinterfragt. Danke dafür! 👍🏻

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