Klimperkleine Sweathose – und ein Wort zum Zeigen von Kinderbildern im Netz

Ihr Lieben, von Herzen gerne nutze ich den Dienstag dafür, um Kinderkleidung zu zeigen, so auch heute. Aber heute will ich meinen Post auch dafür nutzen, ein (nicht nur in Nähbloggerinnen-Kreisen) sensibles und kontrovers diskutiertes Thema anzusprechen: Nämlich das Zeigen von Kinderbildern im Netz.

Das Ziel meines Beitrags ist, das Thema von mehreren Seiten zu beleuchten, ein wenig zu sensibilisieren und vielleicht einen Paradigmenwechsel anzuregen 😉

Worum geht’s? Viele Näherinnen zeigen ihre großartige Kinderkleidung am liebsten auf „Tragebildern“. Dabei werden viele Kinder „komplett“ gezeigt, also inklusive Gesicht. Das Kind lacht in die Kamera, hat offensichtlich Spaß daran, fotografiert zu werden – wunderschöne Bilder von tollen Kindern in traumhafter, selbstgenähter Kleidung.

Warum zeigen so viele Bloggerinnen ihre Kinder inklusive Gesicht? Ich glaube, dafür gibt es vor allem 3 Gründe:

  1. Wir zeigen die Bilder, weil wir unendlich stolz auf unsere Kinder sind. Diesen Wunsch kenne ich selbst auch nur zu gut. Ich kann es wirklich von Herzen verstehen, wenn man sein großartiges Kind allen zeigen will. Auch ich bin unendlich stolz auf meinen Sohn mit dem süßesten Lächeln der Welt  und wenn er dann auch noch selbstgenähte Sachen trägt, geht mein Herz total auf. Und natürlich gibt es da eine Stimme in mir, die sagt: Zeig das der Welt! Er ist doch so wundervoll!
  2. Es tut gut, zu erleben, dass andere mein Kind toll finden. Es gibt Studien, die die Motivation von Eltern zum Posten von Kinderbildern im Netz erforscht haben. Und ein Motor dabei ist wohl die große Selbstunsicherheit vieler Eltern. Der Leistungsdruck auf Eltern ist heute so groß, der Spagat zwischen Familie und Job, gerade auch für Mütter, oft schwer auszuhalten. Im Netz „Likes“ für ein Bild des eigenen strahlenden Kindes zu bekommen, tut schlicht gut. Hat jedes Herzchen, jeder positive Kommentar doch auch irgendwie die Botschaft „Ey, Du bist eine gute Mutter.“
  3. Der „Marktwert“ der Bilder ist viel höher, wenn das Gesicht des Kindes zu sehen ist. Das ist gerade für Bloggerinnen, die im „Näh-Business“ ihr Geld verdienen, ein wichtiges Argument. Die Chance auf gute Kooperationen ist wesentlich kleiner, wenn kein Gesicht zu sehen ist.

Ja, und nun gibt es gute Gründe dagegen, die Gesichter der Kinder zu zeigen.

Ich brauche, glaube ich, nicht damit anzufangen, zu erklären, dass ein Bild, sobald es im Netz ist, dort zum „Freiwild“ wird. Jeder darf es jagen, zerlegen, häuten  – damit machen, was er/sie will. Wir haben zu keinem Zeitpunkt mehr die Kontrolle darüber, wer das Bild mit wem teilt, mit welchen Personen und auf welchen Netzwerken diese Person dann damit unterwegs ist. Je nach „Dienst“ gibt man die Bildrechte mit dem Hochladen auf die Plattform sogar vollkommen an den Betreiber ab – ein Bild, das mein Kind zeigt, gehört ab diesem Moment nicht mehr mir.

Auch das Argument, dass selbst kleine Kinder eine Privatsphäre haben, ist hinreichend bekannt. Jahre später könnten zum Beispiel die Bilder im schulischen Umfeld auftauchen und die inzwischen herangewachsenen Kinder beschämen. Wo die Bilder im Laufe der Zeit bleiben, weiß niemand – aber was an den Schulhöfen dieser Republik abgeht, schon. (Mir selbst dreht sich beim Gedanken, meine Mutter hätte in den 80er Jahren, als ich Kind war, Fotos von mir auf Facebook & Co. gepostet, die es heute noch irgendwo im Netz gäbe, der Magen um…!) Um im Bild von gerade zu bleiben: Die Bilder unserer Kinder sind eben als Freiwild im Netz und können gegen sie verwendet werden. Es ist die Frage, warum wir das riskieren sollten.

Mein persönliches Hauptargument gegen das Posten von Kindergesichtern ist jedoch ein anderes:  Pädophil veranlagte Menschen bedienen sich dieser Kinderfotos für ihre Internetseiten. Und da geht es nicht um Nacktheit. Es geht um das süße Lachen. Denn es geht beim Thema Pädophile (wie bei allen Formen von sexueller Gewalt) schlicht um Macht. Macht über das Kind. Und die beginnt mit der Macht über das Bild vom Kind. Nackte Haut (Stichworte: Badekleidung, Babybodys…) steigert lediglich die Attraktivität. Vor allem attraktiv ist das Gesicht, und hier ganz zentral: die Augen. Deshalb ist auch ein Bild vom Kind im Softshellanzug interessant – solange das Gesicht zu sehen ist.

Und deshalb sollten aus meiner Sicht keine Bilder mit Gesicht gezeigt werden.

Ich weiß, das ist alles harter Tobak. Aber ich möchte nicht um den heißen Brei herumreden. Denn „Wissen ist Macht“. Ich glaube, dass vielen Bloggerinnen diese Dimension nicht klar ist.

Was wir aber alle wissen: Man kann die selbstgenähten Kinderklamöttchen auch ganz wunderbar ohne Zeigen des Kindergesichts in Szene setzen. Wenn das alle Nähbloggerinnen konsequent machen würden – ja, da müssten die Stoffhersteller, Schnittmustermacherinnen und sonstige findige Akteure der Nähwelt eben nur noch mit Nähbloggerinnen kooperieren, für die das Gesicht der Kinder eine Privatsache ist. Ich finde: Wir brauchen hier einen Paradigmenwechsel. Für Tragefotos ohne Gesicht!

So passt es bei mir heute, dass ich ein Teil „weit weg vom Gesicht“ zeige – eine Sweathose nach einem Schnitt aus dem neuen Buch von Pauline Dohmen. Der Schnitt im Buch sieht allerdings ein schmaleres Bauchbündchen mit Bindeband vor. Ich habe eine Variante mit breitem Bauchbündchen und ohne Band genäht. Insgesamt sitzt das gute Stück noch etwas reichlich, wird aber schon gern und oft getragen. Der Stoff ist aus der letztjährigen Kollektion von Stoff & Stil.

So, Ihr Lieben, danke fürs Durchhalten. Ich bin gespannt auf Eure Meinungen zum Thema!

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

Schnitt: Sweathose aus „Nähen mit Jersey – Klimperklein!“

Stoff: Sweat von „Stoff & Stil“

Linked @: Handmade on Thuesday, Creadienstag, Dienstagsdinge, Menschen(s)kinder

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12 Gedanken zu “Klimperkleine Sweathose – und ein Wort zum Zeigen von Kinderbildern im Netz

  1. Das sehe ich wie du! Ich sebst musste mich der Frage für mich persönlich bisher nicht stellen, weil keine Kinder, aber du hast da sehr gut argumentiert. Und es ist wirklich überhaupt nicht schwer, Tragebilder ohne Kindergesicht zu machen, da gibt es so viele schöne Möglichkeiten. Jeder sollte für sich entscheiden dürfen, wie viel er von sich im Netz preisgibt und Kinder können das eben nicht reflektiert selbst entscheiden.
    Liebe Grüße,
    Ronja

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  2. Ich bin da auch ganz bei dir, Tragefotos gerne, aber kein Bild vom Gesicht, es geht einfach heutzutage auch anders und in unseren Blogs geht es ja um das Werk und nicht die Person, von daher gebe ich dir auch dahingehend recht, dass ein Wandel stattfinden muss, Designnäher und Blogger, die ihre Kinder nicht komplett zeigen, in den Vordergrund zu stellen und auf den anderen Seiten verstärkt Aufklärungsarbeit zu leisten. Leider betrifft das eben nicht nur unsere Blogs, sondern die gesamte Modebranche. Schlimm finde ich persönlich vor allem das in Szene setzen durch gewisse Posen des Kindes – es sind Kinder und keine Models -, die auch anzüglich aussehen und auf gewisse Personenkreise anziehend wirken. Da dreht sich mir wirklich der Magen um…

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Karin! Ich sehe das genauso wie du. Es ist doch gerade eine Herausforderung, schöne Bilder zu machen OHNE das Gesicht zu zeigen. Weiß ich denn, was meine Tochter darüber denkt, wenn sie in ein paar Jahren unzählige Fotos von sich im Netz entdeckt? – Nein… ganz zu schweigen von dieser Pädophilie-Geschichte. Deshalb Tragebilder gerne, aber ohne Gesicht. Dazu werden auch meine Probenäherinnen gebeten, Gesicht-Bilder der Kinder veröffentliche ich prinzipiell nicht. Denn einmal im Internet hochgeladen kann man sie auch nie mehr löschen. Ich finde, das ist ein wichtiges Thema mit dem sich jede(r) NähbloggerIn mal in Ruhe auseinandersetzen sollte 😉
    Wirklich schön, dass dies hier mal angeschnitten wird.

    Ganz liebe Grüße,
    Leonie

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Karin,

    herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Blog. Wunderschöne Kinderkleidung und interessante politische Kommentare. Eine ungewöhnliche und immer wieder spannende Mischung.

    Ich komme immer wieder gerne bei dir (und auch bei deiner Linkparty) vorbei.

    Viele Grüße,
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

  5. Eine schöne Hose hast Du da genäht – sie erinnert mich daran, dass der Stoff hier auch schon ein Weilchen auf seine Bestimmung wartet. Vielleicht merke ich ihn mir jetzt mal mit dem Stichwort Hose.
    Ich denke ja, dass man „Bilder mit Gesicht“ und „Bilder mit Gesicht“ nicht in einen Topf werfen soll. Da gibt es riesige Unterschiede und ich denke, jeder der Kinder hat macht sich Gedanken wenn er Kinderbilder postet genau so wie er sich Gedanken macht was das Kind tagsüber trägt.
    Ich poste bei mir im Blog mittlerweile Bilder mit Gesicht, sorge aber durch niedrige Auslösung dafür, dass Pädophile keinen Spaß damit haben. Im Idealfall gibt es keine frontalen Bilder, wenn doch, sind weder Mund noch Augen im Fokus, wenn doch, geschlossen oder unscharf. Posen die womöglich irgendein kranker Mensch falsch verstehen könnte gibt es nicht. Aber die wenigsten Zweijährigen räkeln sich auch lasziv, daher ist das tatsächlich recht einfach umzusetzen.
    Ich habe tatsächlich noch nie irgendwo gelesen, dass Bilder mit Gesicht zwingend notwendig wären, jedoch würde ich mich als Schnittersteller auch nicht über Bilder meiner Schnitte freuen bei denen überall ein fetter Smiley oder etwas ähnlich ästhetisches im Bildmittelpunkt ist. Das geht schon schöner und ich hoffe einfach, das ist es, was in den Aufrufen die Du gelesen hast gemeint war. Ich hoffe es… Wenn nicht, wäre allein so ein Aufruf schon Grund genug die Schnitte besagter Designer aus dem Nähzimmer zu verbannen.
    Liebe Grüße, Änni

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    1. Liebe Änni, ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar und Deine Worte und dass Du Dich hier dazu äußerst. Ich finde, „Deinen“ Bildern merkt man an, dass Du sie bewusst auswählst, Dein Kind nicht mit dem Fokus „Wo lacht er am schönsten“ aussuchst. Das passt für mich sehr zu dem, wie Du auch schreibst, dass Du die Bilder mit niedriger Auflösung verwendest etc. Du hast Dir Gedanken dazu gemacht, ob und wie und überhaupt, und eine bewusste Enscheidung angesichts dessen getroffen, was das für Konzequenzen haben könnte – das fehlt (mir zumindest) bei sehr vielen Bloggerinnen.
      Da gibt es so ein paar Kandidatinnen, bei denen ich mich frage, ob Ihnen überhaupt klar ist, welche Gefahren sie damit heraufbeschwören – so wie sie ihre Kinder zeigen. Und ich unterstelle eben niemanden, dass er sein Kind bewusst dem aussetzt, sondern gehe erstmal von Unkenntnis und von einer zu positiven Weltsicht aus – deshalb mein Blogpost. Und die sind es dann leider auch, die ihre Mädels im Bolerojäckchen auf nackter, bauchfreier Haut zeigen – ist ja so schön luftig…
      Danke Dir nochmal und liebe Grüße! Karin
      PS: Der Stoff ist super für eine Hose – kann ich nur empfehlen 🙂

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  6. Hallo,
    ich finde den Beitrag richtig toll, nicht nur wegen der schönen Hose, sondern auch weil ich nach Möglichkeit NICHT das Gesicht meines Kindes zeige. Ich verstehe Eltern nicht, die zum Beispiel eher darauf achten, was ihre Kinder essen, als dass sie darauf achten, ob das Gesicht auf Fotos zu sehen ist.
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag 😀

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