Menschen(s)kinder im September – und ein paar Worte zum Familienbild in Kinderliteratur

Ihr Lieben, es ist September und „Menschen(s)kinder“ geht in die erste Herbst-Runde! Wie schön 🙂

Wie immer will ich den monatlichen Auftaktpost dazu nutzen, um auf den vergangenen Monat zurückzuschauen, ein paar Worte zu einem Menschen(s)kinder-passenden Thema verlieren, und natürlich auch ein Unisex-Teilchen, dass ich für (m)ein Kind genäht habe, zeigen.

Auch im (bei vielen etwas nähreduzierten) Monat  August wurden wieder ganz wundervolle Kinderkleidung ohne Denkschubladen verlinkt. Hier ein paar meiner persönlichen  Highlights:

  • Vom Fleck weg verliebt habe ich mich in dieses Apfel-Shirt in hellgrün, das von „Kleine Stöpsel“ verlinkt wurde.
  • Wundervolle Teile für ihre Kinder hat Fabelwald gezeigt – ich bin von den positiven Worten über meine Linkparty in diesem Blogpost immer noch ganz gerührt.
  • Zum ersten Mal war auch ein Häkelwerk dabei: Diese wundschöne Baby-Häkeljacke von Leezenland.
  • Und, dass „Punkte“ kein „Mädchenmuster“ sind, zeigt Ännisews.

Dass Punkte auf Jungskleidung „nicht normal“ seien – dieses Argument habe ich schon öfter gehört und verstehe es bis heute nicht. Aber damit kommen wir zu einem meiner Lieblingsbegriffe: „Normalität“.

Was normal ist und was nicht – die Diskussion darüber ist der Nährboden für alle Formen von Diskriminierung. Das gilt auch dafür, welche Familien wir als „normal“ einstufen – und welche nicht. Und was diesbezüglich in Kinderbüchern als „normal“ dargestellt wird, erschreckt mich sehr. Medien – und damit auch Bücher – sind die großen Miterzieher unserer Kinder. Und deshalb sollten wir sehr kritisch hinterfragen, was denn unsere lieben Kleinen für Inhalte – und damit verbundene Denkformate – konsumieren und somit auch lernen.

Ein Beispiel: In der Buchhandlung meines Vertrauens war ich auf der Suche nach einem schönen Vorlesebuch für unser Kindergartenkind. Ich griff zu „Leo Lausemaus will nicht in den Kindergarten“. Ich hatte schon große Lobeshymnen auf die Lausemaus-Bücher gehört. Ich blätterte im Buch – und war von der Handlung entsetzt: Leo soll in den Kindergarten, hat aber keine Lust, will bei Mama bleiben. Kann er dann auch, aber es passiert folgendes: Leos Mutter putzt, bügelt (im feinsten Hausfrauen-Outfit), quatscht am Telefon, tratscht dann wieder beim Einkaufsbummel mit anderen Frauen, kocht –  und hat deshalb den ganzen Tag keine Zeit, sich um Leo zu kümmern. Und nachdem der das miterlebt hat, geht Leo am Ende doch lieber in den Kindergarten.

Ich frage mich, ob da wirklich nur ich im Jahr 2017 einen Würgereiz bekomme?! Was sollen die Kinder hier lernen? Welches Weltbild sollen sie bekommen? Welche Geschlechterrollen und welches Familienbild sollen sie als „normal“ begreifen? Ich war fassungslos. Aber so sieht es leider in den Buchläden dieser Republik aus!

Nach wie vor werden in Kinderbüchern folgende Familienbilder als „normal“ dargestellt:

  • weiße Familien,
  • Familien, die dem Vater-Mutter-Kind-Schema entsprechen,
  • Familien, bei denen der Papa morgens aus dem Haus geht und die Mama die Kinder versorgt.

Nicht dargestellt werden in der Regel

  • People bzw. Kids of Color,
  • Menschen mit Behinderung,
  • Ein-Eltern-Familien,
  • Regenbogenfamilien…
  • kurzum: alle Menschen und Familien, die irgendwie von dieser „Norm“ abweichen.  Weiße Kinder heterosexueller und zusammenlebender Eltern mit traditionellen Rollenaufteilung können sich in den Büchern wiederfinden. Andere nicht. Von den Eltern ganz zu schweigen…

Hier jetzt tiefer einzusteigen, würde den Rahmen sprengen, deshalb nur noch 2 kleine Denkanstöße:

  • Vielleicht habt Ihr ja mal Lust, unter diesem Aspekt die Lektüre Eurer Sprösslinge zu sichten und ggf. mit ihnen darüber zu sprechen.
  • Sehr empfehlenswert ist das Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung: „Vorurteilsbewusste Kinderliteratur jenseits hegemonialer Weltbilder“. Dort wird die „bunte Vielfalt neuer und progressiver Kinder- und Jugendliteratur“ gezeigt – es gibt sie also, die Bücher mit anderen Familienbildern, wenn man sie finden will!

So, und zu guter Letzt noch ein Wort zu meinem Nähwerk: Es ist mal wieder ein Raglan-Shirt nach dem Schnitt von Klimperklein. Der Bio-Jersey, den ich dafür verwendet habe, trägt den wunderbaren Namen  „Little Tiger“ und ist von Lillestoff.  Der Rapport beträgt „nur“ 60 cm – hat aber für die Langarmversion in Gr. 116 gerade so gereicht 🙂 Um einen kleinen Kontrast zu dem (sehr schönen) Hellblau zu setzen, habe ich für das Halsbündchen gelb gewählt, was ich sehr süß finde 🙂 Und der Sohn findet das Shirt so wunderschön, dass er es nicht anziehen wollte – aus Angst, dass ein Fleck drauf kommt…Katzenmotive sind einfach seine große Liebe 🙂

So, in diesem Sinne wünsche ich Euch einen wundervollen, babytigerstarken September und freue mich auf Eure Verlinkungen! Einfach unten auf das Fröschchen klicken!

Und, ach ja, an alle, die bald einen neuen Bundestag wählen dürfen: Macht Euer Kreuz doch da, wo Politik für alle Familien gemacht wird – und nicht nur für die „normalen“.

Alles Liebe!
Karin

Stoff: Bio-Jersey „Little Tiger“ von Lillestoff, noch über Dawanda erhältlich
Schnitt: Raglanshirt, Ebook von Klimperklein
Linked @: Ich näh Bio, Selbermachen macht glücklich, Lillelieblinks, Nähzeit am Wochenende

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5 Gedanken zu “Menschen(s)kinder im September – und ein paar Worte zum Familienbild in Kinderliteratur

  1. Liebe Karin,
    vielen Dank für den Denkanstoß. Spontan fällt mir nur ein einziges Buch ein, indem auch eine alleinerziehende Mutter vorkommt (und wir haben eine Menge Bücher). Erschreckend und realitätsfern.

    Das Shirt gefällt mir. Die blau-gelb-Kombi mag ich an sich sehr gern.

    Viele Grüße, Tina

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  2. Hallo Karin! Wir besitzen das Lausemaus-Buch, das du so entsetzt beschrieben hast, und ich hab direkt mal reingeguckt: Die Maus muss doch in die Kita, weil die Mutter arbeiten geht. Da ist dann der Zweiverdiener-Haushalt dargestellt. Aber unabhängig davon hast du sicher recht, dass Kinderbücher in der riesigen Mehrheit das konservative Familienbild vertreten. Unsere Einstellung zu Kinderliteratur ist, dass immer vieles von den Eltern gespiegelt und mit dem Kind besprochen werden kann/sollte. Wenige Geschichten passen 1:1 zur eigenen Familie, oder? Die Familienbild-Frage ist dir sicher aus eigener Erfahrung präsenter als andere Themen. Mein persönlicher Aufreger des Jahrzehnts war, dass Astrid-Lindgren-Bücher politisch korrekt umgeschrieben werden und Pippi Langstrumpfs Papa nicht mehr „Negerkönig“ sein darf. Traurig, dass den vorlesenden Eltern heute wohl so wenig Reflektion zugetraut wird. Nicht ganz anders scheint das ja mit den Familienmodellen zu sein. Viele Grüße, Meike

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  3. Ein sehr süßes Shirt. Das würde mein Töchterchen auch glücklich machen (die würde es aber trotz Fleck nicht mehr ausziehen wollen).

    Mir kommt es so vor als hätten wir uns seit meiner Kindheit nicht wirlich weiter bewegt, was die Themen in den Kinderbüchern angeht. Wir lesen sehr gerne die Lieselotte Bücher von Alexander Steffensmeier. Die sind wirklich eine Bereicherung.

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  4. Ach, wenn ich gerade schon dabei bin, kommentiere ich hier doch auch noch – eigentlich wollt ich nur den aktuellen Link für die Menschenskinder setzen und nun hänge ich hier fest 😉
    Ich hab es mir angewöhnt grundsätzlich alle Bücher vor dem Kauf zu lese. Bei Büchern für Kleinkinder ist das ja noch relativ schnell gemacht. Neulich hatte ich eines in der Hand – ein Klassiker im übrigen – bei dem auf der ersten Seite gleich die Herde/Familie des erzählenden Elefanten von Wilderern ausgelöscht wurde. Hab ich gleich mal zurückgelegt. Nicht, dass ich meinem Kind den Bezug zur Realität nehmen will, aber das war doch zu krass.
    Mir ist bei einigen Bilderbüchern übrigens aufgefallen, dass Kinder offensichtlich bewußt geschlechtsneutral illustriert werden. Also mit Einheits-Topfschnitt in „neutralen“ Farben. Finde ich auch irgendwie komisch. Wie schön wäre es einfach die Realität abzubilden, mit all ihren Facetten!
    Wir haben ein (!) Bilderbuch in dem Papa den Markeinkauf erledigt, und der kleine Paul beim kochen hilft. (Bestimmt ist die Mutter gerade krank und kann deshalb ihrer Arbeit nicht nachgehen ;-)). Als Ansage an die Buchverlage bezeichnet unser Sohn die eigentlich männlich aussehende Person im Bagger seines Lieblingsbuches aber immer als „Meeeedchen“ – und dabei sagt er sonst eigentlich viel lieber „Mann“…
    Liebe Grüße, Änni

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  5. Liebe Änni, danke Dir. Dein Buch mit dem Wilderer-Beispiel ist ja auch mal krass. Gerade die „Klassiker“ haben es oft auf mehreren Ebenen in sich, von Struwelpeter bis Pipi. Ja, gerade vom Abbilden von Realitäten im Kinderbuch sind viele Verlage weit, weit weg… dabei gäbe es doch da so viel zu zeigen 🙂 Und eigentlich nervt es mich, dass man echt alles, von Buch über Spiel bis CD, vorher als Eltern genau unter die Lupe nehmen muss – aber nur so kann man sicher sein, wenigstens den allergrößten Schrott im Vorfeld auszusieben…
    Liebe Grüße!
    Karin

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