Retro Love mit Else – und ein Wort zu Konfektionsgrößen

Ihr Lieben, heute möchte ich Euch meine erste „Else“ zeigen. Genäht habe ich sie aus einem wunderschönen Bio-Jersey, „Retro Love“ von Lillestoff.

Schon lange lag der Schnitt von „Schneidernmeistern“ in meiner Schnittmustermappe bereit. Ein Shirt mit U-Boot-Ausschnitt und 3/4-Arm sollte es werden. Ich habe das Gefühl, dass die „Else“ einer der meistgenähten Schnitte in der Nähbloggerinnenwelt ist – dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an die Else. Vielleicht zu hoch? Denn, ich finde, sie sitzt (an mir!) nicht richtig. Wenn ich das Shirt trage, liegt immer irgendwas schief, guckt raus, steht ab… was dazu führt, dass ich mich in dem Shirt nicht 100 % wohl fühle. Und am Stoff „Retro Love“ liegt es nicht, der ist nämlich großartig, traumhaft weich, und das Retromuster ist genau mein Beuteschema. Tragen werde ich meine Else schon allein des tollen Stoffes wegen auf auf jeden Fall. Nur ob ich noch ne Else nähe – das weiß ich heute noch nicht. Vielleicht ist auch ein U-Boot-Ausschnitt, so schön ich ihn an anderen finde, nichts für mich bzw. meine Figur? Ich bin eben immer noch auf der Suche danach, was mir steht und was nicht – alles ein Prozess 🙂

Ich musste übrigens die größte Elsengröße nähen: 46! In Worten: Sechsundvierzig. Und diese Tatsache bringt mich heute auch dazu, ein paar Worte zum Thema „Konfektionsgrößen“ zu verlieren.

Ich glaube nämlich in der Nähszene folgendes Phänomen zu beobachten: Das Thema „Konfektionsgröße“ bei vielen Näherinnen in ihren Blogposts ein Tabu ist. Oder, ich sag’s mal lieber so: Diejenigen Nähbloggerinnen, bei denen eine 3 vorne in der Konfektionsgröße steht, geben oft recht freimütig die von ihnen genähte Größe an („Die 34 sitzt bei mir ganz hervorragend.“). All jene, deren Größe mit 4 oder gar 5 beginnt, halten sich dagegen diesbezüglich eher bedeckt. Oder es sind gerne Sätze zu lesen wie „Ich musste tatsächlich die Größe 44 zuschneiden, obwohl ich sonst höchstens 40 trage.“

Ja, wir sind eben (fast) alles Frauen, und alle sind wir so sozialisiert, dass wir uns nur dann schön finden, wenn wir schlank sind. Schlank ist schön. Und wer nicht schlank ist, sollte am besten nicht darüber sprechen (und vor allem auch seine Oberarme nicht zeigen! Oberarme sind offenbar DAS Messinstrument, ob man denn (noch) schlank ist oder schon dick).

Es ist für mich eine große Wohltat, bei Linkpartys wie dem „Me made Mittwoch“ oder „RUMS“ eine solche Vielzahl von „echten Frauen“ zu sehen. Frauenkörper in ihrer ganzen Vielfalt, von Größe 34 bis 60. Und alle sind auf ihre Weise schön! Und so unterschiedlich wie all diese Frauenkörper sind, eines haben sie doch alle gemeinsam: Sie passen in keine Schublade – und somit auch in kein Konfektionsgrößenschema.

Konfektionsgrößen sind „Schall und Rauch“ – beim Kaufklamotten wie in der Nähwelt. Schnitte wie Konfektionsgrößen sind nicht einheitlich, es gibt keine Standards. Ein Beispiel: Bei „Zara“ entspricht die Größe 38 einem Brustumfang von 90 Zentimetern. Bei „H&M“ darf der Brustumfang für eine 38 lediglich 88 Zentimeter betragen. Und so könnten wir jetzt viele Hersteller durchgehen und am Ende feststellen: Konfektionsgrößen sind allerhöchstens grobe Richtwerte, aber bestimmt kein Maßstab für „Dick oder schlank“.

Ich nehme mich, wie oben angeklungen, da selbst übrigens überhaupt nicht aus, dieses Denkschema anzuwenden. Auch ich schiele nach Größen. Ich bin groß, wohl eher nicht dick, aber breit. OK, ich bin 183 groß. Mein Körper passt einfach schon rein anatomisch niemals in eine 32. Aber muss es 46 sein? Ja, und es ist einfach total egal.

Doch dieses Denken ist von der Industrie nicht gewünscht. Und das macht es uns so schwierig, uns von diesem Denken zu emanzipieren. Die Modeindustrie schüttet nämlich hier Benzin ins Feuer, indem sie immer kleinere Größen für erwachsene Frauen einführt. Die gerade erwähnte Größe 32, bei der viele Hersteller beginnen, entspricht der amerikanischen Größe 0. Size 0 – dass diese Größe eingeführt wurde, macht bis heute vor allem Mediziner/innen große Sorgen. Denn: Die allermeisten, ganz durchschnittlichen, erwachsenen Frauen würden niemals in eine 32 passen; es ist eine Größe für 12jährige Mädchen. Doch Hollywood-Stars zeigen auf Instagram, dass ihnen „Size Zero“ passt – und machen damit Werbung für Magersucht. Mittlerweile gibt es sogar „Triple-Zero“ – eine Größe, die am ehesten 8jährigen (!) Mädchen passt.
Die Folgen dieser Politik sind katastrophal, vor allem für junge Frauen. Hier wird unendliches Leid verursacht – total vermeidbar.

Zum Glück sind wir Näherinnen von diesem Diktat befreit! Und deshalb sollten gerade wir klüger sein, und das Schielen nach Konfektionsgrößen einfach sein lassen. Und dann können wir auch ganz entspannt die genähte Größe im Blogpost angeben – denn sie sagt einfach nichts über mich aus. Nichts über meine Anatomie, über meinen Körper, der mich tagtäglich stark und unbeirrt durchs Leben trägt. Sie ist einfach ein statistischer Richtwert.

So, nun freue ich mich auf das Rumstöbern bei RUMS und schicke diesen Beitrag u.a. auch zu Jule, die auch in diesem Monat wieder das Politische im Handarbeiten sucht!

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

Stoff: Retro Love von Lillestoff (z. B. hier über Dawanda erhältlich)
Schnitt: Else von Schneidernmeistern als U-Boot-Shirt, Gr. 46 🙂
Linked @: RUMS, Ich näh Bio, Selbermachen macht glücklich, LilleLiebLinks; DIY or Die!

 

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15 Gedanken zu “Retro Love mit Else – und ein Wort zu Konfektionsgrößen

  1. Danke für deine Gedanken zu diesem Thema. Ich bin auch immer wieder geschockt, welche „Größen“ in den Läden angeboten werden. Seit ich nähe, orientiere ich mich ohnehin nur noch an meinen Maßen, egal bei welcher Größe ich lande. 😉 Bei einigen internationalen Schnittmusterdesignern habe ich allerdings schon einen gegenteiligen Effekt erlebt: Laut meinen Maßen (Gr. 36/38) falle ich da in Größe XXS (u.a. bei Papercut Patterns). Das hörte sich für mich aber viel zu klein an (ich meine, zweimal X? Ist das nicht übertrieben?) und ich habe (als Kompromiss) S genäht, was sich immer als viel zu groß herausgestellt hat..
    Es hat einfach jeder Designer (ob Schnittmuster oder Laden) seine eigenen Maßstäbe, welche Maße zu welcher Größe gehören.
    Aber ich gebe dir Recht, für viele scheint es ein Makel zu sein, bei diesen fiktiven Maßtabellen in einen Bereich jenseits der 38 zu fallen und wie wir darüber sprechen hilft oft auch nicht weiter. Ich finde, es kommt nur darauf an, ob das Kleidungsstück für die eigene Figur gut sitzt und nicht, welche Größe drinsteht.
    Puh, das ist ein langer Kommentar geworden. Offenbar habe ich zu dem Thema mehr zu sagen als gedacht. 😉

    Liebe Grüße,
    Maria

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  2. Wahre Worte, liebe Karin! Du hast absolut Recht sch*** auf das, was irgendwo in meinem Tshirt steht. Ich selbst erwische mich aber auch manchmal dabei, unzufrieden zu werden, wenn ich in eine bestimmte Größe nicht passe und die nächst größere nehmen muss. Ich glaube von XS bis XL habe ich alles im Kleiderschrank, die Konfektionsgröße sagt also herzlich wenig über meinen Körper aus. Trotzdem ist das im Denken irgendwie so drin.

    Deine Else finde ich schön!

    Liebe Grüße,
    Ronja

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  3. Liebe Karin,
    deine Else gefällt mir gut.

    Und du hast so Recht mit deinem Kommentar zu den Konfektionsgrößen! Nicht genug damit, dass es bei jedem Hersteller anders ausfällt und immer kleiner wird. Wer hat schon an allen Messpunkten am z.B. Oberkörper ein und dieselbe Größe? Also, ich nicht und deshalb ist auch selber Nähen so toll.
    Viele Grüße, Tina

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  4. Auch ich muss dir beim Thema Konfektionsgrößen so recht geben. Ich besitze im Kleiderschrank (Kaufkleidung) von S-XL und ebenso ergeht es mir oft wenn ich die Maßtabelle beim nähen lese. Wir sollten uns wirklich freo davon machen….
    Deine Else gefällt mir übrigens gut. Vielleicht wirst du aber noch warm damit. Ich mag die Else gerne und habe sie schon mehrfach genäht. Vielleicht hilft auch der andere Ausschnitt oder eine Anpasdung im Rücken.
    Liebe Grüße Christine

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  5. Liebe Karin!
    Ich finde dein Shirt absolut toll und habe gestutz, als ich gelesen habe es soll eine 46 sein. Mein erster Gedanke war „niemals!!!“ Und ich habe mir direkt nochmal das Foto angeguckt und gedacht „glaub ich nicht „. Man sieht es absolut nicht!
    Aber ich kenne das… auch ich bin mit 1,78m sehr groß für eine Frau und kann auch diese ganzen kleinen Größen nicht tragen… meistens nähe ich L bzw mindestens 42 mit einem guten Stück länger (ich habe aber erst 3 Shirts für mich genäht *lach*)
    Ich finde es super, dass du so toll offen. Und ehrlich darüber geschrieben hast, was eigentlich alle anderen denken 😉
    Liebe Grüße
    Claudia

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  6. Wahre und offene Worte! Die Konfektionsgröße ist genauso nur eine Zahl wie das Alter – mit beiden tun sich Frauen oft schwer, wenn irgendwann die 4 vorn steht und nicht mehr wegzukriegen ist… 😉
    Aber die Uneinheitlichkeit – leider auch und gerade bei Schnittmustern – finde ich wirklich nervig. Ich habe schon zu große 38 gehabt und zu kleine 44… Wie kann das sein, wenn man professionell ausgemessen wurde und sich immer nach den Maßtabellen richtet?
    Der Stoff Deiner Else ist wirklich wunderschön! Deine Bedenken wegen der Passform kann ich gut nachvollziehen, mir ging es genauso. Ohne Brustabnäher würde ich den Schnitt nicht wiederholen. Diese nicht zu tragen wäre aber viiiel zu schade! Und besser als viele Kaufkleidung sitzt sie doch allemal… 😉
    Liebe Grüße,
    Ulrike

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  7. Vielen Dank für Deine wahren Worte, liebe Karin! Und Dein Shirt finde ich ganz toll, der Stoff sieht wunderschön aus! Ich selbst hab mich nicht mehr an die Else rangetraut, nachdem ich bei der ersten den U-Boot-Ausschnitt versemmelt habe. Aber vielleicht probier ich es doch nochmal als Shirt 🙂
    Liebe Grüße, Ulli

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  8. liebe karin,
    gerade habe ich den politisierungsbeitrag für morgen vorbereitet und deinen artikel nochmals in ruhe gelesen. ich hätte mich vergangene woche mal darauf beziehen sollen. irgendwie ist der in meiner sommerpause etwas untergegangen. und spannend fand ich den umstand, dass wir fast gleich groß sind. ich kenne da noch mehr bloggerinnen, die eine ähnliche länge vorweisen können. irgendwie ist das ja auch so eine randgruppe. nur keine so laute irgendwie. die curvys kommen raus und sind laut und das ist auch gut und richtig so. vielleicht sollten die langen das auch mal…. ich habe auch keine lust mehr auf ständig zu kurze klamotten…. danke auf jeden fall für deinen beitrag!
    liebe grüße,
    jule*

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  9. Noch so eine Lange hier. 🙂
    Ich hab auch schon diversen Leuten erklärt, dass man auch als schlanke große Frau nicht in Größe 34 passt. Weil, Überraschung, Größe und Umfang miteinander in Wechselwirkung stehen, so dass eine sehr kleine Person mit meinem Umfang wesentlich weniger schlank aussehen würde – und wie wenig die Konfektionsgröße aus genau diesem Grund darüber aussagt, was für eine Figur jemand hat.
    Über die psychischen Implikationen der Konfektionsgrößen habe ich mich vor kurzem mit einer Lingerie-Designerin unterhalten. Über BH-Größen gibt es ja noch mehr Missverständnisse, weil zu viele Leute offenbar keine Ahnung haben, wie die sich errechnet…

    Da muss definitiv viel öfter und offener drüber gesprochen werden – gerade auch im Hinblick auf Tripple Zeros und diesen ganzen Mist. Damit Menschen damit nicht allein in ihrem Kopf sind, sondern einen realistischen Einblick bekommen, was die Leute drum herum so tragen und was „normal“ im Sinne von „durchschnittlich“ ist.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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