Coming Out auf dem Land – Oder: Wo ist der Regenbogen?

Ihr Lieben, die CSD-Wochen bei mir im Blog laufen auf Hochtouren. Und „meine“ Paradebloggerinnen veröffentlichen so grandiose Beiträge und Texte – es ist unglaublich. So z.B. am Mittwoch Lisa von „Radau im Nähzimmer“ oder gestern Gabi von „Made with Blümchen„. Ich bin gerührt und entzückt und hoffe, Euch geht es ähnlich 🙂

Bei der CSD-Link-Parade sind sowohl DIY- als auch Fotobloggende herzlich willkommen.  Ich selbst bin ja eigentlich keine „Fotobloggerin“. Aber ausnahmsweise will ich heute hier auch mal Bilder sprechen lassen – eine kleine Prämiere sozusagen.

Momentan verbringe ich mit Frau und Kind ein paar Tage auf dem Land. Nordhessen. Heimat der Gebrüder Grimm. Viel Wald, Seen, traumhaft gute Luft. Man kann sich vorstellen, dass man hier großartig Märchen (er-)finden kann. Knapp zwei Stunden nördlich von unserer Frankfurter „Homebase“ sind Wolkenkratzer und Smog weit, weit weg. Ein bisschen heile Welt.

Doch..wie ist das, wenn man auf dem Land „anders“ ist als die anderen?

Wenn meine Frau und ich hier Hand in Hand spazieren gehen, vor uns unser Sohn auf dem Laufrad fährt, verstummen die Gespräche am Straßenrand. Die Leute schauen uns nach, drehen sich um. Es wird getuschelt. Es wird getuschelt, weil wir Hand in Hand gehen. Als Frauenpaar ein Kind haben. Wir sind die absoluten Exoten und konfrontieren hier viele Menschen mit einer Realität, die sie aus ihrem alltäglichen Umfeld nicht kennen – oder viel mehr: nicht wahrnehmen.

Ich selbst bin „auf dem Land“ aufgewachsen, in einer Region, in der christliche Traditionen und Feste das Leben bestimmen (hier habe ich darüber in anderem Zusammenhang schon mal geschrieben). Die Geschlechterrollen sind klar vorgegeben. Man gehört dazu, wenn man „mitmacht“ im Gemeindeleben, in den Gruppen und Vereinen vor Ort, von Turnverein bis Feuerwehr, von katholischer Jugendgruppe bis Landfrauenbund.
In einer (Groß-)Stadt  irgendwie „anders“ zu sein, ist wahrlich auch nicht immer leicht. Ich möchte das nicht schönreden.  Aber auf dem Land „aus der Rolle“ zu fallen, hat in den meisten Fällen noch mal eine ganz andere Fallhöhe. In der Stadt gibt es eine solche Vielfalt an Lebensentwürfen, Nationalitäten, Religionen, Hobbys, Identitäten…dass es im Kopf der Anderen zumindest die theoretische Möglichkeit gibt, dass ein „anders sein“ nicht gleichzusetzen ist mit „Ich bin raus“.

Wer auf dem Land merkt, dass er/sie „irgendwie anders“ ist, erlebt viel intensivere Ausschlussmechanismen. Oder hat zumindest weit mehr Angst davor, dass sie ihn oder sie treffen. Denn: Ein Ausscheren ist nicht vorgesehen. Ein schwules Paar bei der freiwilligen Feuerwehr? Eine transsexuelle Gruppenleiterin der kirchlichen Jugendgruppe? Eine offen lesbische Vorsitzende der Landfrauen? Ein offen schwuler Trainer des Kinder-Fußballteams? Ja, es gibt natürlich Orte, Ausnahmen, wo solche Konstellationen gelebt und akzeptiert (!) werden. Aber vorgesehen oder gar irgendwie selbstverständlich sind sie nicht.

Deshalb ist für viele LSBTIQ-Menschen, die ihre ländliche Heimat lieben und sich für ein Landleben entscheiden, leider nach wievor die Antwort, sich nicht zu outen. Ich weiß es aus vielen Gesprächen mit Freund/innen aus der Communitiy, die am Wochenende zum Feiern (und oft mit komplexen Legenden ausgestattet…) in die schwulesbische Szene in die Stadt fahren, um dort wenigstens einige ungezwungende Stunden im Schonraum „Subkultur“ zu erleben. Doch im Alltag auf dem Land bleibt diese Seite verborgen. Ich habe z.B. einige (heterosexuell) verheiratete Familienväter oder -mütter kennengelernt. Sie selbst liebten das Leben auf dem Land, natürlich auch ihre Familien, doch für sie war eben ein Coming Out, und damit das Leben als Außenseiter_in auf dem Land, unvorstellbar.

Mein Weg war bzw. ist das nicht. Ich wollte mich nicht selbst verleugnen. Ich scheute aber auch den Kampf um Akzeptanz und Toleranz auf dem Land. Vielleicht ist das auch feige und ich ziehe alle Hüte vor den Menschen, die diesen Weg gehen. Aber mich zog es sehr schnell „in die Stadt“.
Ich lebe heute frei und genau das Leben, dass ich mir immer ersehnt habe – mit Frau und Kind, im großstädtischen Raum. Mein Preis dafür war es jedoch, meine Wurzeln abzuschneiden und – um im Bild zu bleiben – neu zu verwurzeln. Ein schmerzhafter Prozess, den sicher auch nicht jede_r gehen kann und will. So muss jede_r seine / ihre Lösung finden. Aber eins ist klar: Ein Coming Out auf dem Land ist nicht leicht.

Und so verbingen wir hier auf dem Land noch ein paar Tage in der wunderschönen Natur… und fahren dann zurück nach Frankfurt – und das ist auch gut so. Für mich zumindest 🙂 .

Und so darf dieser Post nun zur CSD-Link-Parade, dem Freutag, weil wir hier so wunderbare Wandertage verbringen und natürlich auch zur Linksammlung der lieben Jule, die jeden Monat politische Beiträge aus dem DIY-Kosmos sammelt!

Alles Liebe wünscht Euch
Karin

Linked @: CSD-Link-Parade, Freutag, Jule

Advertisements

Ein Gedanke zu “Coming Out auf dem Land – Oder: Wo ist der Regenbogen?

  1. Ja, das kann ich mir vorstellen, dass das auf dem Land noch viel schwieriger ist. In einer großen Stadt begegnen einem jeden Tag so viele unterschiedlichen Menschen. dass man unweigerlich mit den verschiedenen Ausgestaltungsmöglichkeiten konfrontiert wird, die das Leben so bietet. Da wirken viele Dinge plötzlich nicht mehr so exotisch…

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    Gefällt mir

Danke für Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s