Fashion Revolution Week: Vegane Mode – oder: Warum ein Baumwollshirt nicht automatisch vegan ist

Quelle: mami-made.blogspot.de

Susanne von Mamimade ist eine eiserne Kämpferin in Sachen „Fashion Revolution“. Sie hält in der Nähbloggerwelt Jahr für Jahr die Fahne der Erinnerung an das Unglück von Rana Plaza, wo 1127 Näherinnen zu Tode gekommen sind, hoch. Einziger Grund der Katastrophe: Die Profitgier der Modeunternehmen. Übrigens: In der Fabrik wurde für 28 (!) deutsche Firmen genäht.

In diesem Jahr ruft Susanne wieder zu einer Aktion auf: Alle Bloggerinnen sollen während der Fashion Revolution Week auf ihren Blogs einen Weg aufzuzeigen, wie man sich kleiden kann und dabei darauf achtet, Ausbeutung und Müllerzeugung zu vermeiden. Gerne bin ich dabei und habe mir als Veganerin mal das Thema „Vegane Kleidung“ vorgenommen.

Ist ein Baumwollshirt denn nicht immer vegan?

Auf den ersten Blick ist beim Thema Kleidung die Einteilung in „vegan“ und „nicht-vegan“ kinderleicht. Baumwolle, Hanf, Viskose etc. sind aus pflanzlichen Fasern und somit vegan. Bei Wolle, Seide, Leder u.a. müssen Tiere Haar und/oder Leben lassen – also kommen sie nicht in die vegane (Einkaufs-)Tüte. Doch geht diese Gleichung wirklich auf? Kann ich als Veganer/in tatsächlich getrost jedes Baumwoll-Shirt mit gutem Gewissen anziehen? Gerade auch in Anbetracht der Frauen von Raha Plaza? Ich finde: Nein. Wer in der veganen Lebensweise einen Ausdruck darin sieht, so leben zu wollen, dass kein Lebewesen, sei es Mensch oder Tier, für das eigene Wohlergehen leiden muss, der kann keine billigen Shirts kaufen – auch wenn sie aus Baumwolle sind. Übrigens: Etwa 30 % aller Arbeitsplätze weltweit sind mit dem textilen Sektor verbunden, und das in großen Teilen zu unzumutbaren Arbeitsbedingungen.

Anbau und Lagerung – mehr Chemie als alles andere

Quelle: Cotton made in Africa

Ausbeutung von Mensch und Natur wird jedoch auch bereits vor dem Nähprozess großgeschrieben. Bei Anbau, Ernte und Lagerung der Pflanzen, aus denen Textilien hergestellt werden, kommen viele unvegane Chemikalien zum Einsatz. Insgesamt ist der Anbau konventioneller Baumwolle mit einem riesigen Einsatz von Chemie verbunden. Pro Saison wird Baumwolle 20 bis 25 mal mit Pestiziden besprüht und zudem mit Mineraldünger behandelt. Für die Ernte werden die Pflanzen dann chemisch entlaubt. Für den Transport und die Lagerung wird die Baumwolle gegen Schimmel und Schädlinge chemisch behandelt.

Man geht davon aus, dass der Stoff eines T-Shirts beim Anbau mit rund 150 Gramm Pestiziden und Insektiziden belastet wird. Der Textilsektor ist die Einzelindustrie mit dem größten Chemieeinsatz weltweit: Etwa ein Drittel des Chemieeinsatzes aller Industrien (!) wird hier verbraucht. (Quelle: ESMOND Berlin / 2015).
Was diese Art von „Landwirtschaft“ für die Tier- und Umwelt heißt, kann man sich unschwer vorstellen. Doch welches Leid der konventionelle Baumwollanbau vorallem auch für die Menschen in den Anbaugebieten vor Ort verursacht, machen diese Fakten deutlich:

  • Nach Schätzungen der WHO sterben weltweit pro Jahr 20.000 Menschen an Pestizidvergiftung beim Baumwollanbau.
  • Feldarbeit ist in den Anbaugebieten „Frauensache“. Die Pestizide werden jedoch oft ohne geeignete Schutzkleidung ausgebracht. Die Folge für die Frauen: häufige Fehlgeburten oder Missbildungen.
  • Kinder vergiften sich, weil sie aus den Pestiziddosen Wasser trinken.
  • Kinderarbeit ist auf Baumwollplantagen weit verbreitet: Insgesamt arbeiten mehr als 90 Millionen Kinder nach Schätzungen von Unicef in der gesamten Baumwollindustrie. (Quelle: Nabu/2016)

Bei der Verarbeitung geht es dann unvegan weiter. Beim Färben der Stoffe kommen u.a. Cochenille (aus weiblichen Cochenille-Läusen), Indigotin (aus Schnecken), Knochenkohle, Knochenphosphate sowie Bindemittel, die tierische Bestandteile beinhalten, zum Einsatz. Auch werden im Zuge der sogenannten „Schlichterei“ gerne tierische Fette einsetzt. Es handelt sich dabei um den Produktionsschritt, bei dem die Garne vor dem Weben geschmeidig und abriebfest gemacht werden. Insgesamt werden bei der Produktion hunderte verschiedener Chemikalien eingesetzt – Farbstoffe, Färbebeschleuniger und Bleichmittel und zusätzlich Substanzen, die u.a. dafür sorgen, dass Kleider griffiger werden, weniger knittern oder mehr glänzen.

Quelle: PETA

Das Label „PETA Approved vegan“ – das erste vegane Zertifikat für Textilien

Die Tierrechtsorganisation PETA versucht, hier neue Wege zu gehen und hat das erste und bislang einzige Zertifikat für vegane Produkte ins Leben gerufen: Das Label „PETA Approved vegan“. Bei Peta heißt es zum Label: „Für den Erhalt des PETA-Approved Vegan Logos müssen Designer oder Modefirmen ihre verwendeten Materialien und Inhaltstoffe nach Abklärung mit ihren Produzenten detailliert offenlegen und PETA nach Abklärung und Prüfung unklarer Komponenten vertraglich versichern, dass keine Materialien, tierischen Ursprungs wie Pelz, Leder, Wolle oder Farben, Fette oder Kleber in den Produkten enthalten sind. Wir behalten uns natürlich vor, dies durch Labore überprüfen zu lassen und stehen im ständigen Austausch mit den Produzenten.“

Was PETA hier versucht, ist kann man nicht hoch genug würdigen. PETA will hier aufklären, Denkprozesse anstoßen und darauf hinwirken, dass klare gesetzliche Definitionen für die Textilkennzeichnung veganer Mode festgelegt werden. Das PETA-Label ist also momentan das einzige Textillabel, welches vegane Aspekte berücksichtigt. Doch wen auch Umwelt- und Sozialstandards interessieren, muss weitere Labels bzw. die genauen Angaben der Hersteller im Auge behalten.  Dass es Kleidung am Markt gibt, die nahezu alle wünschenswerten Vorgaben erfüllt, beweist u.a. das Kölner Modelabel „armedangels“. Hier sind alle Waren GOTS- und Fairtraide-zertifiziert; einige Kleidungsstücke tragen zudem das „PETA Approved Vegan“- Label.

Wenn Du jetzt beim Lesen dieser Zeilen Lust bekommen hast, beim Kaufen von Kleidung ein bisschen genauer hinzuschauen, dann kann ich Dir noch folgende Links ans Herz legen:

  • Eine gute Zusammenstellung nachhaltig produzierender Textilienhersteller und entsprechender Mode-Shops findet man auf www.utopia.de – Produktguide – Kleidung und Textilien
  • Gute Hintergrundinformationen zu den unterschiedlichen Nachhaltigkeitslabels findet man auf www.modeaffaire.de
Quelle: Cotton made in Africa

Mein Fazit?

Mir geht unter die Haut, was ich auf der Haut trage! Veganes Leben bezieht sich für mich „nicht nur“ auf veganes Essen, sondern mindestens genau so auf Kleidung mit ihrem gesamten Entstehungsprozess. Und auch für mich als Näherin muss ich mich immer fragen, welche Art von Stoffen ich unter der Nähmaschine haben will…

Danke, liebe Susanne, dass Du mich mit Deiner Aktion mal wieder daran erinnert hast! 🙂

Edit (26.04.):
Und auch Dir, liebe Jule, sag ich vielen Dank für deinen Aufruf, die politische Dimension in der DIY-Bloggerinnenwelt sichtbar werden zu lassen! Gerne habe ich auch mein Posting bei Dir verlinkt und hoffe, dass das ganz viele Bloggerinnen machen – nicht nur, aber auch in der Fashion Revolution Week!

PS.: Die Quelle der von mir oben verwendenten Bilder ist, wie angegeben, die Initiative „Cotton made in Africa“ (CmiA). Die Stiftung gibt es seit 2005 und strebt an, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Lebensbedingungen von Baumwollkleinbauern und ihren Familien in Subsahara-Afrika zu verbessern und so der Ausbeutung von Mensch und Natur entgegen zu wirken.
Wer mehr zu CmiA wissen will, dem sei diese Webseite sehr ans Herz gelegt!

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9 Gedanken zu “Fashion Revolution Week: Vegane Mode – oder: Warum ein Baumwollshirt nicht automatisch vegan ist

  1. Puh. Ja, das weiß man natürlich alles irgendwie eigentlich, nech? Ich hatte im Rahmen von Jules Aktion kürzlich schon einiges über den Baumwollanbau gelesen, aber die weitere Verarbeitung mit tierischen Bestandteilen kam darin noch nicht vor. Das bestärkt mich einmal mehr, Second Hand-Kleidung zu kaufen und Second Hand-Materialien zu verarbeiten, wo es nur geht.

    Danke für deinen tollen Post!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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