Das Näh-Nerd-Interview: Heute mit Muriel von „Nahtzugabe5cm“

muriel-nahtzugabe5cmLeben 1.0 hält mich gerade in Atem. Um so mehr freue ich mich, dass ich heute wieder eine ganz wunderbare Interviewpartnerin vorstellen darf: Und zwar Muriel, Schreiberin und Näherin des Blogs „Nahtzugabe5cm“. Aufmerksam geworden bin ich auf Muriel in zweierlei Hinsicht: Einerseits finde ich die von ihr mit großem Fachwissen genähten Outfits, die sie u.a. beim Me-Made-Mittwoch gerne zeigt, außergewöhnlich und
spannend! Sie hat ihren ganz eigenen, ihren Typ unterstreichenden Stil gefunden – und ist damit ein echtes Vorbild!
Anderseits produziert Muriel seit 2014 einen Näh-Podcast, was ich als großer Hörfunk-Fan einfach nur großartig finde. So kann ich sogar in der U-Bahn sitzend noch Nähgesprächen zuhören; gibt es was Schöneres?

Aber nun: Viel Spaß mit dem heutigen NNI und Vorhang auf für Muriel!

Liebe Muriel, an welchem Nähprojekt arbeitest Du denn gerade?

Ich habe dieses Wochenende mit einem für mich sehr spannenden größeren Projekt, welches mich über die nächsten Monate begleiten wird, angefangen. Meine kleine Schwester heiratet im Sommer und ich habe die Ehre, ihr Standesamtkleid nähen zu dürfen. Sie hätte gerne ein Kleid im 50er-Jahre-Stil. Erst gibt’s ein Probekleid und dann geht’s auf Stoffsuche.

Außerdem fange ich parallel mein Standesamt-Trauzeuginnenkleid an. Bei meinem Kleid habe ich weniger Bedenken, vor ihrem Kleid dagegen habe ich großen Respekt. Zum einen vor dem Schnitt, welchen ich dafür als Basis nehmen werde, dem V8280. Dies ist der bisher einzige Schnitt in meiner Näh-Karriere, welchen ich
nicht geschafft habe für mich zu nähen, und ich entsorgt habe. Das ist inzwischen schon etliche Jahre her und damals habe ich noch keine Probeteile gemacht, aber auch andere habe ich über den Schnitt Fluchen hören, z.B. Drehumdiebolzeningenieur. Außerdem tue ich mich schwer, für andere zu nähen, auch wegen der notwendigen Anpassungen. Zum Glück wohnt meine Schwester nicht so weit weg, so dass ich sie immer wieder für die notwendigen Anproben einbestellen kann.

An wie vielen Nähprojekten arbeitest Du meistens gleichzeitig?

Das variiert, ich denke im Schnitt sind es ca. 1-2. Die UFOs jetzt mal nicht mitgerechnet. Ideen für Projekte habe ich viel mehr.

Hast Du einen UFO-Stapel? Und falls ja: Lässt Du uns daran teilhaben, was da momentan darauf liegt?

Ja, immer. Je nach UFO-Aufkommen mache ich Anfang des Jahres auch mal einen UFO-Sew-Along (z.B. 2016), um den Stapel durch den „Druck“ von Außen verkleinert zu bekommen. Im letzten Jahr kamen nicht sooo viele dazu, deswegen gab es in diesem Jahr kein UFO-Sew-Along. UFOs werden bei mir meist UFOs, weil ich durch andere, vermeintlich spannendere Projekte abgelenkt werde. Aktuell wartet ein Romanitkleid auf seinen Zuschnitt.

Mindestens so schön wie das Nähen selbst ist ja das Einkaufen dafür. Wenn Du jetzt von mir den Auftrag bekämst, für 150 € online Stoffe und Nähzutaten zu shoppen, und zwar binnen der nächsten 10 Minuten: Wo würdest Du den Warenkorb befüllen und womit?

Ehrlich gesagt, würde mir das schwerfallen. Ich kaufe, wenn immer möglich, mit einem Projekt im Hinterkopf … okay, manchmal sehe ich den Stoff und dann weiß ich „das wird ein Kleid“. Zudem kaufe ich den Hauptanteil an meinen Stoffen als Erinnerung, z.B. an einen Urlaub, Städtetrip etc.
Also, wenn ich jetzt 150 € ausgeben müsste, würde ich bei Frau Tulpe schauen. Dort gibt es etliche der Stoffdesigner, die ich besonders schätze. Wobei ich bei dem Betrag und der dadurch auf mich zurollenden Stofflawine leichtes
Herzrasen bekommen würde. Versuche, mein Lager im Rahmen zu halten und das wäre eine Menge, die ich nicht so einfach unterbringen könnte.

Apropos Stoffkauf: Hast Du ein Stoffkaufbudget? Oder anders:  In welchem Umfang sind Stoffvorräte Deiner Meinung nach angemessen?

Ein Stoffkaufbudget habe ich für mich nicht, kaufe auch nicht so häufig Stoffe – vielleicht alle paar Monate mal. Also, verglichen mit anderen Näherinnen habe noch nicht ein soooo großes Lager … rede ich mir zumindest ein. Habe vor kurzem eine App (Cora für iOS – demnächst wohl auch auf deutsch) entdeckt, mit der ich mein Stofflager erfassen kann – mir schwant Übles, was da raus kommt.

Kannst Du Deine drei liebsten Stoff-Labels nennen? (Wie) Verfolgst Du, was sie Neues auf den Markt bringen?

Ich liebe die (alten) Designs von Tula Pink (mein Octopus-, Fledermauskleid).

Octopuskleid

Leider haben mich die Kollektionen vom letzten wie auch von diesem Jahr nicht angesprochen. Generell trage ich gerne Kleidungsstücke aus klein gemusterten Quiltstoffen. Ebenso mag ich die Kokko-Stoffe, welche jedoch in der Haptik steifer sind und so für schwingende Kleider eher weniger geeignet sind, daraus entstehen dann Bleistiftröcke (Vögelchenrock), Taschen und Täschchen.

Woher beziehst Du in der Regel die Schnittmuster, nach denen Du nähst?Gibt es Labels, bei denen Du praktisch jeden Schnitt blind kaufst?

Im Gegensatz zu Stoffen, bei denen ich mich gut zurückhalten kann, sammle ich Schnittmuster.  Ich habe keine Ahnung wie viele (Papier)Schnittmuster ich eigentlich habe.

Ich würde sagen, das ist bunt gemischt. Ich habe eine größere Sammlung an den Big Four Schnittmustern (McCalls, Butterick, Vogue, Simplicity) und etliche englischsprachige Indieschnitte. Schnittmuster von deutschen Indieschnittherstellern habe ich eher wenig. Dazu kommt dann noch eine umfangreiche BurdaStyle Zeitschriften-Sammlung – von denen nähe ich aber aktuell nicht wirklich viel.
Um den Überblick über meine Schnittmustersammlung zu halten, habe ich alle technischen Zeichnungen in meiner kleinen privaten Cloud und kann so von überall darauf zugreifen. Blind nähen kann ich eigentlich keinen Schnitt, ich muss immer etwas ändern.

Angenommen, jemand will Dir Deine Traumnähmaschine schenken – womit würde man Dich glücklich machen? Auf welche(r) Maschine(n) nähst Du?

Ich habe mir vor ein paar Monaten meine Traumnähmaschine, eine Pfaff Performance 5.0 gekauft, von
dem her bin sehr glücklich. Dies ist meine erste Computernähmaschine, davor hatte ich eine rein mechanische. Vom
Leistungsumfang hätte ich keine neue Nähmaschine benötigt. Die alte hat wirklich alle meine  Projekte von BHs über Kleider zu Ledertaschen anstandslos und ohne Fehlstiche genäht. Ich war nur scharf auf die tollen Schnicknack-Features, wie z.B. den Kniehebel.

Kommen wir zur inspirierenden Literatur: Gibt es denn eine Nähzeitschrift, die Du schätzt und regelmäßig kaufst (oder gar abonniert hast)?

Ja, Threads Magazin. Das Magazin habe ich schon länger im Abo. Diese amerikanische Zeitschrift lese ich sehr
gerne, da diese im Gegensatz zu den deutschsprachigen Zeitschriften hauptsächlich Techniken vermittelt und eben keine Schnittmuster enthält. Dieses Schmökern können fehlt mir bei „unseren“ Zeitschriften – diese kommen mir wie „Bilderbücher“ vor. Wenn ich mal in UK bin, freue ich mich immer über die dortigen Zeitschriften, die für mich einen größeren Unterhaltungswert haben, da dort auch viel rund ums Nähen beschrieben ist. Schade, dass wir so etwas Ähnliches nicht haben. Die Backrezepte und Bastelsachen aus der Burda Style sprechen mich persönlich gar nicht an – eher im Gegenteil.

Was hältst Du von Näh-Büchern? Wie viele stehen in Deinem Bücherregal?

Nähbücher mit Schnittmustern mag ich nicht. Dagegen habe ich eine Sammlung an Nähtechnik-Büchern. Meine beiden Liebsten sind das Burda Grundlagenbuch und das Vogue Sewing Book. Lynda Maynards Buch „Professionell schneidern“ ist auch sehr gut.

Apropos Inspiration: Wie vielen Näh-Blogs folgst Du? Was muss ein Blog ausmachen, dass es auf Deine Follow-Liste kommt?

Ich hab mal kurz in meinen Reader geschaut und folge ca. 250 Näh-Blogs. Diese sind hauptsächlich deutschsprachig,
gemischt mit einigen englischsprachigen aus der ganzen Welt.
Was ein Blog ausmacht – gute erkennbare Bilder, gerne auch mal Details und Blogposts mit Details zum Entstehungsprozess. Blogs, welche nur Ergebnisse ohne Details zeigen, sind nicht so meines. Aktuell landen vermehrt Blogs, die auch Unterwäsche nähen, in meinem RSS-Reader (darüber folge ich den Blogs (Inoreader). Ohne den hätte ich keine Chance, den Überblick zu behalten.

Meinst Du, es lohnt sich, seine Fremdsprachenkenntnisse aufzufrischen, um z.B. auch die französische oder spanische Näh-Bloggerwelt mitzunehmen? Wie hältst Du es mit dem internationalen Surfen?

Ich finde den Blick raus aus meiner kleinen deutschen Nähnerdblase sehr interessant und folge etlichen englischsprachigen Blogs sowie Nähinterview-Podcasts (z.B. craftyplanner.com).

Zum Abschluss: Welche Nähtechnik würdest Du gerne besser beherrschen?

Mhmm, eine gute Frage. Ich weiß jetzt nicht, wie ich die Frage beantworten soll. Eines der Dinge, die ich beim Nähen gelernt habe, ist, dass eigentlich keine Technik schwer ist. Im Endeffekt sind alles nur einzelne Nähte. Das eine Projekt hat mehr davon, das andere weniger, aber es läuft alles auf die einzelne Naht zurück. Mir fällt jetzt spontan keine Nähtechnik ein, die ich gerne besser beherrschen würde. Es gibt Techniken, für die ich zu faul bin und diese deswegen vermeide, z.B. Knöpfe wegen dem notwendigen exakten Platzieren der Knopflöcher und Knöpfe oder französische Nähte, aber damit kann ich gut leben.

Welche Nähtechnik arbeitest Du „a la Muriel“ – also anders, als das die Fachbücher empfehlen? Was ist Dein ultimativer Geheim-Tipp?

Was ich anders mache … ich schaffe es, beim Ärmeleinsetzen eine quasi unendliche Anzahl an Stecknadeln zu
verwenden. Dafür werde ich leider bei den lokalen Nähtreffen gemobbt. 🙂
Ansonsten bin ich großer Fan des schmalen Rollsaumfußes für die Nähmaschine, diesen Saum verwende ich an allen meinen ausgestellten Kleidern und Röcken und kann ihn nur wärmstens empfehlen.

Herzlichen Dank, liebe Muriel, für den sympathischen Ausflug in Deine Nähwelt!

Vielen Dank Karin für die nette Einladung.

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