Stilphilosophie Teil 2: Stilprägung vs. Dirndl-Desaster

blogserie1_stilpraegung

Nico hat die nächsten Runde der Blogserie zum Buch ‚Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind.‘ ausgerufen und den nächsten vier Fragen veröffentlicht. Auch diesmal will ich, wie in Runde 1, wieder dabei sein. Aber: Die Antworten fallen mir diesmal um ein vielfaches schwerer – Stichwort: „Dirndl-Desaster“:-)
Dennoch möchte ich mich beteiligen – nur eben etwas anders, als es vielleicht vorgesehen ist. Ich hoffe, dass ich jedoch auch diesmal mit meinen (beiden) Antworten etwas zur Diskussion beitragen kann…

In der zweiten Runde geht es um das Thema „Stilprägung“:

  1. 1. Welchen kulturellen Hintergrund hast du, und wie beeinflusst er deinen Kleidungsstil?
  2. 2. Hast du von deinen Eltern etwas über Kleider, Anziehen oder Stil gelernt? Woran erinnerst du dich konkret? Haben sie dir diese Dinge beigebracht oder hast du sie dir abgeschaut?
  3. 3. Zeig uns ein Foto von deiner Mutter aus der Zeit, bevor sie Kinder hatte, und beschreibe, was du siehst.
  4. 4. Kannst Du etwas dazu sagen, inwiefern deine Figur und Dein Stil mit deiner Mutter zu tun haben, oder auch nicht?

Ich möchte die Fragen 1 und 2 zusammen antworten:

Ich bin ich Deutschland geboren und aufgewachsen, allerdings in einem sehr katholisch-konservativ geprägten Landstrich (Oberbayern: Zwiebeltürme, Berge, Seen…alles wie im Bilderbuch) und in einem, wie die Soziologie es ausdrücken würde, „bäuerlich-traditionellen Milieu“. Tradition, Kirchgang und Bräuche bestimmten das Leben. Soviel zur Ausgangslage.

Bei uns gab es einerseits „normale Alltagskleidung“ (zweckbestimmt – Stil spielte hier keine Rolle…) und eben „Kleidung für besondere Anlässe“, was ohne jede Diskussion hieß: Tracht. Um genau zu sein: Bei uns wurde die „Chiemseer Tracht“ getragen, was heißt: Dirndl für weibliche Menschen, Lederhose und Trachtenjoppe für männliche Menschen. Wer sich ein Bild davon machen möchte, kann dies im Wiki-Artikel tun. Ich zitiere daraus die Dirndl-Beschreibung:

„Zur Tracht der Dirndl und Frauen gehören das Leiblgwand bzw. Spenzergwand mit langem Arm mit gleichfarbigem Rock mit weißer Bluse und Schürze, weißen Seidenstrümpfe und schwarzen Leder-Trachtenschuhen. Die typische Farben für Rock und Mieder sind blau oder weinrot.“

Nun ist es so, dass ich mich persönlich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben in einem Dirndl (oder einem anderen Trachtenkleid) wohlgefühlt habe.

Warum das vor allem so ist bzw. war, kann ich heute, mit 36 Jahren, auch benennen: Meine Ablehnung hat vorrangig etwas mit der zugewiesenen Geschlechterrolle zu tun. An eine solche Kleidung werden ja auch Verhaltenserwartungen, Tanzrollen etc. geknüpft – und diese waren mir schon als Kind zuwider. Ich möchte mich nicht, weil es die Tradition so vorgibt, als Mädchen oder Frau verhalten „müssen“, sondern auch bei der Kleidung so weiblich oder männlich sein, wie es sich gut für mich anfühlt. Oder anders:  Ich wollte als Mensch wahrgenommen werden, nicht als Mädchen oder Frau.  Und das geht in einem Dirndl nicht:
Insofern hat mich also das Dirndl-Mieder nicht nur körperlich, sondern auch seelisch immer eingeengt. Ich habe mich dagegen gewehrt, wovon meine Eltern, sagen wir, nicht allzu begeistert waren.

Was ich aber noch klarstellen möchte: Ich bin keine Tracht-Gegnerin! Auch lehne ich nicht per se Tradition und Brauchtum ab! Aber ich bin gegen unreflektierten Kleidungszwang, egal ob Tracht oder nicht. Es gibt übrigens heute durchaus Anlässe, an denen heute sogar ich ein Kleid trage 🙂

Auch die Fragen 3 und 4 möchte ich zusammen beantworten:

Mit einem Foto kann ich leider nicht dienen. Figur und Stil von meiner Mutter und mir bewegen sich in diametral unterschiedlichen Bereichen der Stilskala. Auch unser Körperbau ist extrem unterschiedlich, so bin ich z.B. über einen Kopf größer. Also auch hier: Keine gemeinsame Nenner.

Vielleicht fasst folgendes Bild meine Gedanken zu allen 4 Fragen am besten zusammen:
Meine Heimatregion, München und Umgebung, sind vom Barock geprägt. Breite, im wahrsten Sinne des Wortes bodenständige, prunkvolle Bauten. Damit bin ich aufgewachsen.

Meine Heimat heute ist der Raum Frankfurt, eine Region, bei der die Gebäude sprichwörtlich in den Himmel wachsen, wo man Innovation und Diversität sucht, aber Tradition trotzdem nicht aufgibt. Hier bin ich zu Hause, mit meiner Frau, unserem Sohn und meinem bunten, so gar nicht barocken Gedankengut!

Wenn ich diese Zeilen so schreibe, wird mir jedoch eines sehr klar: Dass ich bezüglich meines persönlichen Stils immer noch nicht ganz angekommen bin, könnte auch damit zusammenhängen, dass die Stilprägung bei mir irgendwie nicht so ganz rund gelaufen ist. Das war mir so nicht klar 🙂 Insofern: Danke, liebe Nico, für Deine Fragen, die mich auch diesmal wieder ein Stück weiter gebracht haben.

Und nun schmökere ich auch bei Euch anderen Damen, und bin gesptannt, zu welcher Erkenntnis Ihr kommt!

Advertisements

7 Gedanken zu “Stilphilosophie Teil 2: Stilprägung vs. Dirndl-Desaster

    1. Liebe Nico, danke für Dein Feedback – es ist mir eine große Freude, dabei zu sein! Ja, und es lohnt sich, den Kopf zu wälzen. Bisher hat mir mein „Mitmachen“ schon viele neue Erkenntnisse beschert, und ich bin gespannt, wie es weitergeht! Liebe Grüße, Karin

      Gefällt mir

  1. Ich finds total gut, dass du die Dimension der Geschlechterrolle und der damit zugeschriebenen Eigenschaften ansprichst. Offensichtlich sind diese vier Fragen noch unterschiedlicher in ihren Beantwortungsmöglichkeiten als die letzten!

    Dein sehr bildlicher Vergleich zwischen alter und neuer Heimat hat mir auch sehr gut gefallen. Ich freu mich unbekannterweise für dich, dass du so _angekommen_ klingst.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    Gefällt 1 Person

  2. Auch wenn deine Stilprägung in früher Kindheit nicht so glücklich gelaufen ist, kannst du jetzt ja immer noch alles ändern. Immerhin ist die Stilprägung keine Prägung im biologischen Sinne, also frühkindlich und nicht veränderbar. Lass Frankfurt auf dich wirken und freu dich, dass du jetzt deine Wurzeln selber setzen kannst! Ich fidne Dirndl auch nicht anziehend, bin allerdings im hohen Norden aufgewachsen. Dort ist Tracht eigentlich kein Thema mehr seit mehreren hundert Jahren…

    Gefällt mir

Danke für Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s